Sonntag, 22. Juli 2018

Flexible Arbeitszeit statt Lohnplus - Tarifpartner verpassen historische Chance Freizeit statt Geld - unser Abgabensystem ist leistungsfeindlich

Tarifverhandlugen: Es ist Zeit für ein dickes Lohnplus. Statt dessen verhandeln Gewerkschafter und Arbeitgeber über flexiblere Arbeitszeiten - und vergeben damit eine historische Chance

Eigentlich sollten die Gewerkschaften jetzt ein fettes Lohnplus herausholen. Stattdessen verhandeln sie über flexiblere Arbeitszeiten - und lassen sich damit womöglich eine historische Chance entgehen. Schuld daran ist auch unser leistungsfeindliches Abgabensystem.

Eigentlich ist es seltsam. Nach vielen Jahren der Lohnzurückhaltung könnten die Gewerkschaften jetzt mal einen richtig satten Zuschlag für die Beschäftigten fordern. Aber so recht scheinen sie die Chance nicht nutzen zu wollen.

Die Ausgangslage könnte kaum besser sein: Die Wirtschaft boomt. Viele Stellen bleiben unbesetzt. Unternehmen müssen Aufträge ablehnen. Die Gewinne sind hoch, die außenwirtschaftlichen Überschüsse gigantisch.

Wann, wenn nicht jetzt, wäre ein sattes Lohnplus drin?

Deutschlands mächtige IG Metall hingegen fährt bei den derzeit laufenden Tarifverhandlungen eine andere Strategie: Sie verwässert ihre Lohnforderungen, indem sie zusätzlich Arbeitszeitverkürzungen verlangt. Beschäftigte sollen ihre Stundenzahl individuell eine Zeitlang reduzieren können. Wer wenig verdient, soll vom Arbeitgeber noch einen Lohnzuschuss bekommen.

Ein Vorgehen, das gegen den Konjunkturzyklus läuft.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Vermutlich könnten die Gewerkschaften insgesamt mehr erreichen, würden sie jetzt, in Zeiten der Hochkonjunktur, reine Lohnrunden fahren. Die Arbeitgeber haben angesichts prallgefüllter Auftragsbücher ein großes Interesse daran, keine Produktionsausfälle zu riskieren. Das spricht für eine große Durchschlagskraft der Gewerkschaften.

Im nächsten Abschwung (der unweigerlich irgendwann kommen wird) böte sich dann die Gelegenheit, in ein neues System der individuellen Arbeitszeitverkürzungen einzusteigen: Wenn ohnehin Kapazitäten brachliegen, werden den Unternehmen eine freiwillige Verkürzung der Arbeitszeit umso willkommener sein.

Mehr Geld jetzt, mehr zeitliche Flexibilität später: In beiden Situationen könnten die Gewerkschaften Schwachstellen der Arbeitgeberseite ausnutzen - und entsprechend viel für ihre Mitglieder erreichen. Warum lassen sich die Metaller diese Chance entgehen?

Nächstes Jahr gehört Vati mir!

Natürlich ist der Wunsch, Beruf und Familie besser vereinbaren zu können, verständlich. Rollenmuster haben sich verändert. In der Generation der jüngeren Werktätigen wünschen sich auch Väter zusätzliche zeitliche Freiräume für ihre Kinder. Die mittleren Jahrgänge wiederum sehen sich einer wachsenden Gruppe von älteren Familienmitgliedern gegenüber, deren Betreuung ebenfalls Zeit braucht.

Wer heute unter knapper Zeit leidet, dem ist mit Arbeitszeitverkürzungen irgendwann - nämlich wenn die nächste Rezession zuschlägt - nicht geholfen.

Dazu kommt ein zweiter Aspekt, der mindestens ebenso wichtig ist: Das deutsche Steuer- und Abgabensystem ist leistungsfeindlich - und zwar gerade für Leute mit mittleren Einkommen. Es ist deshalb finanziell ziemlich attraktiv, Geld gegen Freizeit einzutauschen.

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