Montag, 11. Dezember 2017

Unser Rentensystem ist besser als sein Ruf Eine Rentenkasse für alle schadet mehr als sie nützt

Beamte und Ärzte zahlen in der Regel nicht in die gesetzliche Rentenversicherung ein

In Deutschland wird wieder über die Zukunft der Rentenversicherung gestritten. Vor allem über die vermeintliche Gerechtigkeitslücke in der deutschen Alterssicherung, da sich Freiberufler, Beamte und Selbstständige nicht in der gesetzlichen Rentenversicherung versichern müssen. Österreich gilt als Paradebeispiel, wie es besser ginge. Aber ist das wirklich so?

Gerechtigkeit ist ein großes Wort und findet trotzdem oder gerade deshalb, auch in der politischen Debatte, täglich Anwendung. So auch beim Thema Alterssicherung, wo sowohl die Medien als auch die Akteure in Berlin immer wieder feststellen, wie ungerecht doch das deutsche Rentenversicherungssystem sei. Insbesondere scheint hier aufzustoßen, dass bestimmte gesellschaftliche Gruppen wie etwa Beamte, Selbstständige oder Freiberufler sich vermeintlich aus der Solidarität der gesetzlichen Rentenversicherung verabschieden und anderweitig vorsorgen dürfen.

Christian Hagist
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    Christian Hagist ist Professor für Generationen-übergreifende Wirtschaftspolitik an der WHU - Otto Beisheim School of Management.

Auf den ersten Blick stimmt das auch - warum können sich Mediziner in einem Versorgungswerk zusammenschließen, angestellte Professoren an Privatuniversitäten aber nicht? Warum gibt es kein Dachdeckerversorgungswerk? Und warum zahlen Angehörige bestimmter Berufe eben nicht in die gesetzliche Rentenversicherung ein? Die Antwort findet man, wie so häufig, in der Geschichte. Auf dem Reißbrett würde heute niemand mehr ein Alterssicherungssystem wie das deutsche entwerfen und natürlich gäbe es bei einem Neubau keine Einordnung nach Berufsgruppen. Allerdings stehen wir bei der Rentenversicherung eben nicht vor einem Neubau, sondern vor einem Umbau - und wie alte Häuser hat auch unser Alterssicherungssystem eine ganz eigene Statik.

Die Einheitskasse ist ein Minusgeschäft für alle

Die eigentliche Frage dreht sich nicht um Gerechtigkeit, sondern um Nützlichkeit. Dient es den Versicherten der Gesetzlichen Rentenversicherung tatsächlich, wenn künftig auch Ärzte, Juristen, Apotheker und Beamte in die Gesetzliche Rentenkasse einzahlen müssten? Die Antwort lautet: kurzfristig ja, langfristig aber auf keinen Fall.

Kurzfristig würden bei der Einführung einer einheitlichen Rentenversicherung die Beiträge fallen, da es sich um eine gut verdienende Klientel mit relativ hohem Einkommen handelt. Das entlastet alle anderen Beitragszahler, zumal wahrscheinlich nur junge Beamte, Freiberufler und Selbstständige aufgenommen werden würden.

Langfristig aber wäre es ein Minusgeschäft für alle Beteiligten: Für die neuen Versicherten, da ihre Bezüge im Alter aus der Gesetzlichen Rentenversicherung deutlich niedriger ausfallen dürften als Beamtenpensionen oder Renten aus den kapitalgedeckten Versorgungswerken. Und für alle bisherigen Versicherten, weil fast alle Neuankömmlinge aus Sicht einer Rentenversicherung schlechte Risiken sind und damit auf lange Sicht teuer werden.

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