Sonntag, 16. Dezember 2018

Wie zukunftsweisend ist der Diesel-Kompromiss? Innovation wird verdieselt

Diesel-Umrüstung: Alles auf Null

Was passiert, wenn konservative Bewahrer, Bedenkenträger, Lobbyisten und Beamte einen Kompromiss aushandeln? Richtig: Innovation auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Es ist so als wollten Sie eine revolutionäre neue App für die Lösung aller Verkehrsprobleme entwickeln und landen bei einer zentralen E-Mailadresse für Beschwerden. Probleme von morgen lösen mit den Methoden von gestern. Ein altbewährtes Prinzip, dem auch die bevorstehende Dieselentscheidung der großen Koalition zugrunde liegt. Doch wie zukunftsweisend sind die Beschlüsse aus Berlin eigentlich?

Jens-Uwe Meyer
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    Dr. Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innolytics GmbH. Mit neun Büchern (u.a. "Radikale Innovation", "Digitale Disruption") und mehr als 100 Fachartikeln ist er einer der engagiertesten Innovationsvordenker im deutschsprachigen Raum. Er berät mittelständische Unternehmen und Konzerne.
    www.jens-uwe-meyer.de

In der Innovation gibt es hier eine Denktechnik: Reset. Alles auf null. Fangen wir beim Urschleim an: Warum gibt es eigentlich Dieselabgaswerte? Richtig: wegen der Luftverschmutzung. Weniger Feinstaub in der Luft bedeutet bessere Luft, und das wiederum bedeutet weniger gesundheitliche Probleme für die Menschen. Das ist die einfache Gleichung hinter dem, was heute Mobilitätswende genannt wird. Der Gedanke, dass immer mehr Autos in den Städten immer mehr Abgase produzieren und dass mehr Autos in Städten immer längere Staus und weniger Parkplätze bedeuten. Damit fing alles an. Beim Innovationsmanagement hilft es sehr oft, sich dieser Denktechnik zu bedienen. Denn es führt einen auf den Grund des Problems zurück, das man eigentlich lösen wollte.

Konjunkturprogramm für die Kutsche

Machen wir einen gedanklichen Sprung, zurück in die Zeit der Kutschenbetreiber. Als Gottlieb Wilhelm Daimler noch der Verrückte war, der die Welt revolutionieren und das Neue voranbringen wollte. Was hätte die Regierungskommission zusammen mit dem Zentralverband der kaiserlichen Kutschenverbände damals beschlossen? Mit Sicherheit nicht den Ausbau eines modernen Straßennetzes, sondern einen packenden Drei-Punkte-Plan.

1. Rückkaufprämie für Kutschenhalter, deren Wagenräder aufgrund des schlechten Straßenzustandes kaputtgegangen sind,

2. Nachrüstung von Pferden, die nachweislich zu viel furzen, durch entsprechende Filter,

3. Neukaufprämie für enttäuschte Kutschenbesitzer, die weder 1. noch 2. wollen.

Mobilitätskonzept für die Zukunft

Erst mit solchen Vergleichen wird die Zukunftsfeindlichkeit des beschlossenen Dieselkompromisses deutlich. Was fehlt, sind nicht einmal besonders quergedachte Ideen. Es sind vielmehr offensichtliche, mit denen das eigentliche Ziel - der Klimaschutz - erreicht werden soll:

- Entschädigung für die Besitzer älterer Dieselfahrzeuge ja (immerhin löst es kurzfristig ein kleines Teilproblem), aber verbunden mit der Auflage von verstärkten Investitionen in Elektromobilität beziehungsweise Mobilitätskonzepte der Zukunft,

- Anreizprämien für den Umstieg von betroffenen Dieselbesitzern auf Elektromobilität,

- stärkeres Engagement der Automobilindustrie beim Ausbau des 5G Mobilfunkstandards, der eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen des autonomen Fahrens ist.

Hätte die Politik damit der Automobilindustrie geschadet? Im Gegenteil. Die Automobilindustrie ist schließlich kein homogener Block von Menschen, der gleichförmig denkt. Zwischen den Automobilkonzernen herrscht ein Wettrennen um die besten Ideen sowie ein Kampf zwischen Bewahrern und Erneuerern.

Es hätte die Erneuerer innerhalb der Industrie und innerhalb der Konzerne gefördert. So haben Lobbyisten und Politik leider nur Deutschlands Position als Dinosaurier der Automobilindustrie gefestigt. Und kurzfristige wirtschaftliche Interessen vor langfriste Entwicklungsperspektiven gestellt.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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