Mittwoch, 20. September 2017

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Babyboomer in der Zinsfalle Die Sandwich-Generation

Familie: Zinsen nahe Null, die Lebenserwartung steigt - die Mittelschicht hat Grund, sich Sorgen zu machen

Daniel Stelter

"Uns geht es gut" jubelte unlängst SPIEGEL ONLINE. Neue Zahlen des Finanzkonzerns Allianz belegen, dass die Geldvermögen weltweit weiter anwachsen, beinahe doppelt so schnell wie die Wirtschaftsleistung. Zwar merken die Experten der Allianz kritisch an, dass dies auch auf die Politik des billigen Geldes der Notenbanken zurückzuführen ist, die alle Vermögenswerte von Anleihen über Aktien bis zu Immobilien nach oben treibt. Dennoch blieb das gute Gefühl: wir werden immer reicher. Noch erfreulicher dabei ist die Tatsache, dass auch die Mittelschicht profitiert, es also nicht nur in die Taschen der oberen 10 Prozent fließt.

Schaut man genauer hin, muss man jedoch konstatieren, dass es keinen Grund zum Jubel gibt. Vordergründig mag es uns finanziell gut gehen, in Wahrheit stellt sich die Situation völlig anders da. In den kommenden Jahren werden wir recht unangenehm aus unseren Träumen erwachen, doch da sind die Meldungen von heute lange vergessen. Dies liegt vor allem an diesen Ursachen:

  • Die Erträge der kommenden Jahre wurden durch die heute bejubelten Wertzuwächse bereits vorweggenommen. Doch kommt es mit Blick auf die Altersvorsorge auf den gesamten Ertrag an.
  • Während die Finanzmärkte von den steigenden Bewertungen profitieren, wachsen zugleich die Lücken in den privaten und staatlichen Altersvorsorgesystemen.
  • Parallel zum Anstieg der Vermögen sind auch die Schulden weltweit weiter gewachsen. Da letztere zu einem immer größeren Teil nicht mehr bedient werden können, droht eine entsprechende Anpassung bei den Vermögen.
  • Die demografische Entwicklung wird zwangsläufig zu einer Anpassung der Vermögenswerte führen, weil mehr Verkäufer weniger Käufern gegenüberstehen.
  • Die Inflationsrate dürfte vor allem bei nicht-handelbaren Gütern wie Dienstleistungen in den kommenden Jahren deutlich anziehen und den realen Wert der Ersparnisse zusätzlich mindern.
  • Die politischen Mehrheiten werden noch stärker als heute auf die Umverteilung satt die Schaffung von Wohlstand setzen.

Gerade die Babyboomer-Generation der 1960er Jahre wird diese Trends mit voller Wucht treffen. Sie ist die Sandwich-Generation, gefangen in fallenden Vermögenswerten, Leistungskürzungen, steigenden Abgaben und höheren Kosten. Noch kann man sich darauf einstellen. Viel Zeit bleibt jedoch nicht.

Vorweggenommene Erträge

Richtigerweise verweist die Allianz auf die Politik der Null- und Negativzinsen, wenn es darum geht zu erklären, weshalb die Vermögen fast doppelt so schnell wachsen als die Wirtschaft. Denn letztlich können die Vermögen nachhaltig nur zunehmen, wenn die Volkseinkommen entsprechend steigen. Tiefere Zinsen erlauben es, diese Einkommen mit einem geringeren Satz abzuzinsen.

Zukünftige Zahlungen sind bei einem Zins von einem Prozent heute deutlich mehr wert als bei einem Zins von fünf Prozent. Deshalb sind wir heute bereit mehr für einen Vermögenswert zu bezahlen. Legt man jedoch einen längerfristigen Horizont an, wie zum Beispiel in der Altersvorsorge, kommt es nicht so sehr darauf an, wie groß mein Vermögen heute ist, sondern wie groß es zum Zeitpunkt des Renteneintritts ist.

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Da die Erträge der Vermögenswerte jedoch unverändert bleiben - die Anleihe zahlt weiterhin fünf Euro pro Jahr, egal ob ich dafür 100 oder 500 Euro bezahle - sinkt die Rendite. Die Tatsache, dass die Vermögenswerte schon gestiegen sind bedeutet nichts anderes, als dass die Renditen auf diesen Vermögenswerten auf Jahre hinaus mau sein werden.

as mag jenen egal sein, die schon für das Alter vorgesorgt haben. Wer jedoch weiterhin für das Alter spart, muss zu den heutigen hohen Preisen kaufen und garantiert damit geringe, wenn überhaupt positive, Erträge. Wahrlich kein Grund zum Jubeln.

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