Dienstag, 24. Oktober 2017

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Top-Ökonom über panische Politik Energiewende: "Teuerste Panikentscheidung einer deutschen Regierung"

Die Neigung zur Panik haben die Menschen von ihren Vorfahren.

Mehrere Milliarden Euro vergeuden wir jedes Jahr als Folge panischer Regierungsentscheidungen, sagt Statistikprofessor Walter Krämer. Ein Interview über den schlampigen Umgang mit Statistik und die Kosten irrationaler Handlungen deutscher Politiker.

Herr Krämer, als Statistiker und Gesundheitsökonom betonen Sie immer wieder, der Mensch kämpfe heute längst nicht mehr ums blanke Überleben. Trotzdem ließen wir uns oft leiten von Schreckensnachrichten. Sind die Deutschen ein Angst-Volk?

Krämer: Ja. Die Deutschen verfallen sehr schnell in Panik. Der Dioxin-Fund bei Eiern 2011 hat das deutlich gezeigt. Es gab eine regelrechte Hetzjagd gegen das Unternehmen, das dioxinbelastetes Futtermittel hergestellt hatte. Die Medien stürzten sich auf den angeblichen Giftfund - obwohl die Dosis so niedrig war, dass für die Bevölkerung nie auch nur die geringste Gefahr bestand. Legehennenbetriebe mussten Millionen von Frühstückseiern grundlos aus dem Verkehr ziehen.

Grundlos? Immerhin wurde bei vielen Eiern der Dioxin-Grenzwert überschritten.

Krämer: Wir sprechen hier von einer angeblichen Belastung mit drei Billionstel Gramm an Dioxin. Für viele Eier stimmte dieser Wert noch nicht einmal. Diese Information, vom Landwirtschaftsministerium eingeräumt, haben die Medien einfach weggelassen. Der schlampige Umgang mit Fakten schürt Panik in der Bevölkerung.

Was hätten Sie denn geschrieben?

Krämer: Gar nichts. Giftfunde sind für mich erst eine Meldung wert, wenn die gesundheitsgefährdende Dosis überschritten ist. So weit denken die meisten Leute jedoch nicht. Im Schnitt trifft ein Mensch rund 90 Prozent seiner täglichen Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Bei nur rund zehn Prozent strengt er sein Hirn an und denkt wirklich nach.

Haben Sie sich die Panik etwa abtrainiert?

Walter Krämer
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    Walter Krämer ist Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Technischen Universität Dortmund. Zur Ökonomie von Panik, Angst und Risiko hat er zahlreiche Sachbücher und Fachaufsätze veröffentlicht. Er ist ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste und gehörte von 2008 bis 2016 dem Vorstand des Vereins für Socialpolitik an.

Krämer: Leider nicht komplett. Kein Mensch ist völlig panikresistent. Deshalb kommt es in unserer Gesellschaft auch immer wieder zu Panik-Attacken. Doch für die meisten gibt es einfach keinen rationalen Grund.

Wir nehmen an, Sie halten auch Sorge vor Terroranschlägen in Deutschland für unangebracht?

Krämer: Was die Gefahr des Todes angeht, schon. Ein ganz normaler Wochenendausflug mit dem Auto ist gefährlicher für unser Leben als der Terror, weil man viel eher bei einem Verkehrsunfall sterben könnte. Ich spreche genau dann von Panik, wenn sich Menschen vor Dingen fürchten, die gar nicht gefährlich oder zumindest unwahrscheinlich sind.

Woher kommt diese unbegründete Angst?

Krämer: Sie ist der Evolution geschuldet. Dieser Angstmechanismus war bei unseren Affen-Vorfahren überlebenswichtig, und den schleppen wir heute noch in den Genen mit uns herum. Bei Lebensmitteln reagieren wir besonders empfindlich, weil sie uns schaden können. Zudem entdeckt die moderne Technik heute auch kleinste Mengen an Gift im Essen. Selbst wenn die Dosis völlig ungefährlich ist, reagieren die Menschen immer noch genauso ängstlich wie im Urwald vor einer Million Jahren. Beispiel Dioxin.

Nehmen wir an, die Bürger haben unnötig auf Eier verzichtet. Die Politiker aber haben bewusst deren Vernichtung angeordnet. Müssten sie nicht eigentlich in der Lage sein, einen kühlen Kopf zu bewahren?

Krämer: Wünschenswert wäre das, aber sie treffen regelmäßig irrationale, panikgetriebene Entscheidungen. 2001 hat die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast aus der BSE-Panik heraus das Töten von 400.000 völlig gesunden Rindern angeordnet. Das ist fast schon kriminell. Von der Vernichtung von Futtermitteln bis hin zur Schlachtung hat das die deutschen Steuerzahler etwa eine Milliarde Euro gekostet.

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