Samstag, 16. Dezember 2017

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Konjunktur und Arbeitsmarkt in Deutschland Warum die Löhne kräftig steigen sollten

Konjunktur läuft rund: Wenn Beschäftigte knapp sind, müsste der Preis der Arbeit - der Lohn - steigen.

In Deutschland gehört Lohnzurückhaltung zum festen Repertoire der Wirtschaftspolitik. Geht diese Ära nun zu Ende? Möglich, dass 2018 eine Wende markiert. Aber dazu bedarf es noch einiger Kraftakte.

Eigentlich müsste jetzt ein ordentliches Plus für die Beschäftigten drin sein. Eigentlich müssten die Löhne steigen, und zwar kräftig. Denn die Bedingungen waren selten so gut.

Die Arbeitslosenquote fällt immer weiter. Arbeitskräfte sind inzwischen so knapp wie nie in den vergangenen Jahrzehnten.

Mehr als eine Million Stellen sind unbesetzt. Der Anteil der Firmen, die wegen Bewerbermangels Aufträge nicht annehmen können, ist rekordverdächtig hoch. Gut ein Fünftel der Unternehmen könnten mehr produzieren, wenn sie denn die passenden Leute fänden, wie Umfragen zeigen. Der Mangel an Arbeitskräften ist zum Engpassfaktor der Wirtschaft überhaupt geworden.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

In einer Marktwirtschaft sollten Preise Knappheiten widerspiegeln. Was rar und begehrt ist, sollte teurer werden. Also auch Arbeit: Wenn Beschäftigte knapp sind, müsste der Preis der Arbeit - der Lohn - steigen.

Eigentlich.

In Deutschland jedoch gehört Lohnzurückhaltung seit Jahrzehnten zum festen Repertoire der Wirtschaftspolitik. Geht diese Ära der Bescheidenheit nun zu Ende? Möglich, dass 2018 eine Wende hin zu rascheren Lohnsteigerungen markiert. Aber sicher ist das längst nicht. Unternehmen, Gewerkschaften und Politik sollten deshalb neue Wege beschreiten. Dazu unten mehr.

Zunächst ein paar Fakten.

Früher war Lohnzurückhaltung vernünftig

Seit den 90er Jahren steigen die Löhne in Deutschland nur langsam. Nach Abzug der Inflationsrate - also "real" - legten sie zwischen 1992 bis 2010 durchschnittlich um gerade mal 0,6 Prozent pro Jahr zu. Die Produktivität pro Arbeitsstunde jedoch stieg in dieser Zeit mehr als doppelt so schnell, wie der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berechnet hat.

Die Lohnzurückhaltung war vernünftig und verständlich. Es war die Phase der Massenarbeitslosigkeit. Zeitweise überstieg die Zahl der gemeldeten Jobsuchenden fünf Millionen. Belegschaften und Gewerkschaften kämpften um jede Stelle. Mit den Geschäftsführungen gingen sie viele "Bündnisse für Arbeit" ein. Nicht Arbeit war knapp, sondern Arbeitsplätze. Das drückte auf die Lohnentwicklung.

Spätestens seit 2010 aber sind wir in einem anderen Szenario. Anders als vergleichbare Volkswirtschaften überwand Deutschland die große Rezession von 2008/09 rasch. Das deutsche Jobwunder ging weiter. Und bislang ist kein Ende in Sicht.

Tatsächlich steigen die Reallöhne seither wieder stärker, im Schnitt um 1,6 Prozent jährlich. Aber die Dynamik ist immer noch verhalten.

Und jetzt?

Die anziehende Inflation frisst Lohnzuwächse auf

Die Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie laufen. Im Januar und Februar folgen Großunternehmen wie die Post, Volkswagen und Telekom sowie das Baugewerbe und Teile des öffentlichen Dienstes. Gerade die Industrie (Donnerstag gibt's neue Produktionszahlen) und der Bau erfreuen sich prächtiger Geschäfte.

Die Volkswirte der Commerzbank rechnen denn auch mit Tarifabschlüssen von mehr als 3 Prozent in diversen Branchen. Klingt ordentlich. Bei einer Inflationsrate von inzwischen wieder knapp unter 2 Prozent käme allerdings nur ein schmaler Kaufkraftzuwachs dabei heraus. Außerdem sind noch diverse länger laufende Tarifverträge in Kraft, die schmalere Zuwächse vorsehen.

Den Gewerkschaften geht es aber nicht mehr nur um Geld und Jobsicherheit, sondern auch um mehr zeitliche Flexibilität. So fordert die IG Metall 6 Prozent mehr Lohn und außerdem die Möglichkeit für Beschäftigte, ihre Arbeitszeit bis zu zwei Jahre lang verkürzen zu dürfen. Ein nachvollziehbares Ansinnen, das allerdings viele Unternehmen schmerzen dürfte. Angesichts schon heute existierender Produktionsengpässe würden Arbeitszeitverkürzungen den Fachkräftemangel wohl noch verschärfen.

Derzeit jedoch scheinen die Arbeitnehmervertreter am längeren Hebel zu sitzen. Die Konjunktur läuft, nicht nur in Deutschland. Auch in anderen europäischen Ländern hat sich die Lage aufgehellt. Der Zustrom von EU-Bürgern auf den deutschen Arbeitsmarkt, von dem die Wirtschaft in den vergangenen enorm profitiert hat, dürfte künftig abnehmen; die Leute finden wieder leichter in ihrer Heimat Jobs.

Und sollte die SPD in einer erneuten Großen Koalition tatsächlich einen Mindestlohn von 12 Euro durchsetzen, wie Parteivize Olaf Scholz schon vor Wochen im SPIEGEL gefordert hat, dürfte auch das die Lohndynamik insgesamt beschleunigen.

Stopp! Mehr Einkommen in Arbeitnehmerhand durch mehr Umverteilung - genügt das?

Es gibt viel zu tun

Das Nachholbedürfnis nach langen Jahren der Zurückhaltung ist berechtigt. Nachhaltig werden solche Steigerungen aber nur sein, wenn auch die Produktivität wieder rascher zunimmt. Und da ist der Rückstand groß.

In den vergangenen Jahren haben die Stundenverdienste zwar nur langsam zugelegt, aber immer noch schneller als das Produktionsergebnis pro Arbeitsstunde. Bislang wirkt sich dies nicht negativ aus. Noch ist die deutsche Wirtschaft enorm wettbewerbsfähig. Doch dies ist ein endliches Spiel.

Damit auf Dauer ordentliche Einkommenszuwächse möglich sind, braucht es vor allem eines: mehr Investitionen. Und zwar nicht nur des Staates, sondern insbesondere der Unternehmen. Anders wird der lahmenden Produktivität kaum auf die Sprünge zu helfen sein.

Nötig wäre eine Investitionsoffensive. Sie sollte ein zentrales Projekt der neuen Bundesregierung werden, wie auch immer sie aussehen mag. Sie sollte aber auch ein Anliegen der Gewerkschaften in den Tarifverhandlungen der kommenden Jahre sein, um gute Jobs und steigende Einkommen in Deutschland zu sichern.

Buchtipp

Henrik Müller
Nationaltheater:
Wie falsche Patrioten unseren Wohlstand bedrohen.

Campus Verlag; Februar 2017; 224 Seiten; 19,95 Euro

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Es gibt viel zu tun. Die Unternehmen in Deutschland investieren seit der Finanzkrise viel weniger als vorher - trotz guter Auftragslage (Montag gibt's neue Zahlen vom Maschinenbau) und extrem niedriger Zinsen. Stattdessen sammeln sie immer dickere Finanzpolster an, so haben es kürzlich die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten dargelegt.

Hält dieser Trend an, wird die Produktivität weiter stagnieren. Entsprechend wenig gibt es auf Dauer zu verteilen.

Was genau die Unternehmen vom Investieren abhält, ist eine bislang unbeantwortete Frage. Dass sich dies ändert, daran haben nicht nur die Beschäftigten ein Interesse, sondern diese Gesellschaft insgesamt: Langfristig können Einkommen nicht schneller steigen als die Produktionsmöglichkeiten.

Wie gesagt, eigentlich könnte 2018 das Jahr der Trendwende bei der Lohnentwicklung werden. Aber damit es so kommt, bedarf es noch einiger Kraftakte.

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