Samstag, 21. Oktober 2017

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Deutz kauft Torqeedo "Das Potenzial elektrischer Bootsmotoren ist gewaltig"

Elektromotorenbauer Torqeedo: "Dass Torqeedo zufällig Motoren für das Wasser baut und nicht für die Luft oder die Straße, ist von untergeordneter Bedeutung"

Vor zwölf Jahren gründete Diplomkaufmann Christoph Ballin "Torqeedo" - den heute größten E-Bootsmotoren-Hersteller der Welt. Im Interview spricht er über Marktlücken, die Folgen der Energiewende und die Übernahme durch den Kölner Motorenhersteller Deutz.

mm.de: Herr Ballin, Sie sind Weltmarktführer für E-Boots-Motoren, rüsten die größten Passagierboote der Welt damit aus. Sogar die Queen tuckert mit Ihren Motoren über die Themse. Sind Sie der Elon Musk der Bootsindustrie?

Christoph Ballin: (lacht) Nein, natürlich nicht. Manchmal werden Parallelen zu Tesla angesprochen. Wir können in Anspruch nehmen, der Pionier und Marktführer für Elektromobilität auf dem Wasser zu sein. Aber der Vergleich mit Musk wäre eine Anmaßung.

mm.de: Und die Gründung von Torqeedo vor zwölf Jahren - ein ungeplanter Glücksgriff oder ein ausgeklügelter Schachzug?

Ballin: Die Gründung war gut überlegt. Wir haben nichts gebastelt, das dann komischerweise erfolgreich war. Ein bisschen Glück hat aber schon reingespielt: Wir sind an den Starnberger See gezogen und bekamen mit, wie der Status für den Antrieb elektrischer Boote war: Nämlich technisch veraltet. Wir diskutierten, überlegten und machten unsere Due Diligence. Und glaubten schließlich, dass wir den besten elektrischen Bootsmotor der Welt bauen können.

mm.de: Im Ernst? Den besten Elektromotor der Welt?

Ballin: Genau. Wenn man als Marktaußenseiter denkt, das beste Produkt anbieten zu können, ist es ja eigentlich ein Zeichen dafür, dass man irgendwo nicht richtig hingeschaut hat. Wir haben es aber mehrfach getestet und sind immer zu dem Ergebnis gekommen, dass wir tatsächlich weltweit einzigartige Produkte bauen können. Elektromobilität und Clean-Tech gab es als Begriffe damals noch nicht. Aber die Treiber, die Elektromobilität wichtig machen, lagen schon 2005 auf der Hand: Die wachsende Weltbevölkerung und die globale Erderwärmung, die CO2-Ausstoß-Reduktion und der nachhaltige Schutz von Luft und Gewässern - all diese Themen gab es schon. Wir sahen die Marktlücke und hatten das Gefühl, dass wir mit dem Thema in einem Boot sitzen, das nach vorne fährt und nicht nach hinten.

mm.de: Sie haben als Techniker Ihren Gründungspartner Friedrich Böbel, einen Physiker, an der Seite. Haben sich seit damals Ihre technischen Entwicklungen von Außenbordern stark verändert?

Ballin: Das Sortiment ist deutlich gewachsen. Wir haben mit zwei Produktlinien angefangen und decken mittlerweile die Leistungen von 0,5 kW bis 50 kW ab. Zu Beginn waren es lediglich kleine Außenborder. Heute sind unsere Möglichkeiten, die Motoren ins Boot einzubauen, stark gewachsen: Angefangen von Außen- und Innenbordern, über Sail-drives bis hin zu Pod-Motoren, die man unter den Booten anbringen kann.

mm.de: Der Markt von Elektroantrieben in der Bootsindustrie beträgt lediglich 1 Prozent. Das ist ja sehr gering. Wie viel Luft nach oben ist da?

Ballin: Das Wachstumspotenzial ist riesig. Die Kernfrage ist aber immer, wie schnell es sich realisieren lässt. Verschiedene Studien sagen, dass im Bereich der Automobilindustrie die Quote von Elektro- und Hybridmobilität zwischen 2030 und 2040 auf 30 bis 50 Prozent anwachsen wird. Natürlich spielen dabei auch politische Regulierungen eine große Rolle - siehe aktuelle Entwicklung in China. Die Bootsentwicklung hinkt im Vergleich ein wenig zurück. Doch über Zeit wirken sich Technologien, die für eine Branche entwickelt werden, auch auf andere Industrien aus, sodass entsprechende Marktanteile auch in der Bootsindustrie zu sehen sein werden.

mm.de: Und dieses Potenzial hat der Kölner Motorenhersteller Deutz gerochen und daraufhin Torqeedo übernommen?

Ballin: : Ich kann weniger für Deutz sprechen als für Torqeedo. Was ich sagen kann: Bei Deutz' Interesse an Torqeedo geht es nicht um das Engagement im Bootsmarkt. Es geht um ein Engagement im Bereich innovativer Antriebstechnik. Die Akquisition folgt einem umfassenden strategischen Ansatz. Dass Torqeedo zufällig Motoren für das Wasser baut und nicht für die Luft oder die Straße, ist von untergeordneter Bedeutung. In jedem Fall werden wir uns mit unserem Know-how und unserer Expertise gern bei Deutz einbringen.

mm.de: Dass Torqeedo bislang nicht profitabel ist, war Deutz egal?

Ballin: Egal nicht, schöner wäre es natürlich, wenn Torqeedo schon profitabel wäre. Hätten wir in den letzten Jahren weniger in Expansion investiert, könnte Torqeedo auch heute schon profitabel sein. Letztlich waren es aber unter anderem diese Investitionen, die Torqeedo für Deutz interessant gemacht haben. In Summe hat in den Gesprächen mit Deutz die Anerkennung überwogen, was Torqeedo in den letzten zwölf Jahren geschafft hat.

mm.de: Was ändert sich mit der Übernahme? Für die Marke, aber auch für Management und Mitarbeiterschaft?

Ballin: Nicht viel. Deutz beabsichtig, Torqeedo als unabhängiges Tochterunternehmen weiterzuführen. Aber natürlich werden wir versuchen, Synergiepotenziale zu heben. Die sehen wir im Bereich der Industrialisierung, wo Deutz auf eine ganz andere Erfahrung zurückblickt. Aber auch im Vertrieb und Supply-Chain. Der Fokus wird von nun an also darauf liegen, Kräfte zu bündeln und sich gegenseitig zu fördern.

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