Freitag, 28. Juli 2017

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Gefahr für den Wirtschaftsstandort Deutschland vor dem Abschwung

Wird das Model 3 von Tesla zum Symbol für den Niedergang der deutschen Schlüsselbranche?

Daniel Stelter

Der Economist ist zweifellos eine der besten Zeitschriften der Welt: fundierte Artikel, teils süffisanter britischer Stil und herausragende Titelbilder. In einer Branche, die mit dem Niedergang kämpft, ist er einer der wenigen Leuchttürme.

Doch auch der Economist ist nicht frei von Fehlern. Geradezu schon chronisch ist der Titelbildindikator: Wenn sich eine Titelgeschichte des Economist einer bestimmten Entwicklung zuwendet, kann man getrost davon ausgehen, dass eine Trendumkehr bevorsteht. Dabei ist der Economist nicht alleine. Legendär sind zum Beispiel der Bild-Titel zur Zeit des New-Economy-Booms ("Jetzt werden alle reich mit Aktien") oder die Spiegel-Geschichte zum Gold. Beide erschienen kurz vor der Trendwende, nachdem Aktien beziehungsweise Gold schon jahrelang gestiegen waren.

Im Falle des Economist waren es sowohl Fehlprognosen bei Gold und Öl, aber auch beim Dollar. Pünktlich zum Höhepunkt der US-Dollar-Stärke im Dezember 2016 inszenierte das Magazin George Washington als Bodybuilder mit dem Titel "Why a strengthening dollar is bad for the world economy", nachdem der Dollarindex in den sechs Monaten zuvor 13 Prozent gewonnen hatte.. Kurz darauf kam die Trendwende. Der Dollar wertete gegen alle Währungen deutlich ab, selbst den krisengeschüttelten Euro.

Deutschland auf dem Titel

Besorgniserregend muss deshalb stimmen, dass Deutschland Gegenstand der aktuellen Ausgabe ist.: "Why Germany's current-account surplus is bad for the world Economy". Gezeichnet wird dabei das Bild eines Landes, das strukturell in gesellschaftlichem Konsens auf Exportüberschüsse zur Sicherung von Arbeitsplätzen setzt und sich uneinsichtig bezüglich der Folgen für den Rest der Welt zeigt. Damit verbunden ist die Annahme, dass auch in Zukunft keine Änderung dieser Haltung zu erwarten ist, weil sich alle Akteure in Deutschland uneinsichtig zeigen.

Bekanntlich sehe auch ich die deutschen Außenhandelsüberschüsse sehr kritisch. Es ist nicht in unserem Interesse, in einer überschuldeten Welt immer mehr Forderungen aufzubauen (siehe: Deutschland wirtschaftet wie die Eichhörnchen).

Es wäre deshalb auch angezeigt, die lautstarke Kritik, nicht nur die von Donald Trump, ernst zu nehmen und mittels mehr Investitionen einen Beitrag zu einem geringeren Handelsüberschuss zu leisten (siehe meine Kolumne: Trump sei Dank - der wahre Kern des Deutschland-Bashings).

Ernste Gefahren für Deutschland

Es ist eine zweifelhafte Ehre, auf dem Titel des Economist zu stehen, dennoch kann es aber gut sein, dass dies einer Trendwende in Deutschlands Volkswirtschaft vorausgeht - so, wie es schon bei vergangenen Economist-Titeln oft der Fall war. Legendär ist die "The sick man of the Euro"-Geschichte aus dem Jahr 1999 .

Es dauerte dann zwar noch ein paar Jahre, aber die Trendwende kam, und zwar so massiv, dass wir heute wie der ökonomische Superstar gefeiert werden. Übrigens nicht ganz zu Recht. Rekordtiefe Zinsen, ein (immer noch) viel zu schwacher Euro und ein anhaltender Verschuldungsboom in der Welt erlauben uns erst einen Aufschwung, der weniger von Produktivitätsgewinnen als von billiger Arbeit getragen wird.

Doch das hindert unsere Politiker seit Jahren nicht daran, Reformen zu verschleppen. Statt die Grundlagen für künftigen Wohlstand zu legen, verteilen sie lieber soziale Wohltaten, die dauerhaft nicht bezahlbar sind. Gerade die letzten zehn Jahre erweisen sich bei nüchterner Betrachtung als Wohlstandsvernichtung der dramatischsten Art (Wie Deutschland seinen Wohlstand verschleudert).

Die Basis für unseren wirtschaftlichen Niedergang wurde so bereits gelegt. Selbst ohne außerordentliche Ereignisse ist absehbar, dass alleine aufgrund der demografischen Entwicklung, der eklatanten Mängel im Bildungswesen und der unzureichenden Investitionen von öffentlicher und privater Seite die besten Jahre hinter uns liegen. Gut möglich, dass in nicht allzu ferner Zukunft Frankreich - heute noch herablassend belächelt - den Ton in der wirtschaftlichen Entwicklung angibt.

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