Sonntag, 18. Februar 2018

Deutschland ist das Anti-Silicon-Valley Warum Deutschland bei ausländischen Konzernen so beliebt ist

Maschinenbau: Präzise und verlässlich arbeiten, statt täglich die Welt neu zu erfinden

Deutschland ist einer der Top-Wirtschaftsstandorte in Europa. Immer mehr ausländische Konzerne siedeln hierzulande Tochterunternehmen an. Ursache für den großen Zulauf internationaler Investoren ist ausgerechnet das unternehmerische Spießertum: Wir brauchen keine "Tech Evangelists", solange wir verlässlich, gründlich und professionell arbeiten.

In dieser Woche kommen in Davos die Wirtschaftslenker, Industrieführer und Tech-Granden aus aller Welt zusammen, um sich als Revolutionäre, moderne Piraten oder Weltverbesserer zu gerieren. Die Hybris kennt kaum Grenzen: So wird im Silicon Valley etwa das Wort "Technologie-Evangelist" ganz selbstverständlich in den Mund genommen - und das ist noch nicht einmal ironisch gemeint.

Deutsche Unternehmer bleiben von einem solchen Prophetentum glücklicherweise verschont. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, heißt es stattdessen an deutschen Werksorten.

Fakt ist: Man kann über die deutsche Wirtschaftslandschaft vieles sagen, von großer Dramatik ist aber nur selten die Rede. Verlässlichkeit und Qualitätsarbeit sind die Stichworte hierzulande - und das wird von internationalen Inverstoren entsprechend honoriert.

Um es ganz deutlich zu sagen: Ausländische Investoren können gar nicht genug von Deutschland bekommen - und liegen damit richtig.

Exzellente Rahmenbedingungen

Bei vielen Topmanagern im Ausland genießt Deutschland einen guten Ruf: Im Rahmen unserer Studie "Business Destination Germany 2018" haben wir 529 Chief Financial Officers deutscher Tochtergesellschaften ausländischer Konzerne befragt. Das Ergebnis ist eindeutig: 80 Prozent der befragten CFOs beurteilen die wirtschaftliche Lage Deutschlands als gut oder sehr gut.

Andreas Glunz
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    Andreas Glunz ist Bereichsvorstand International Business bei KPMG

Das Vertrauen internationaler Firmen ist in erster Linie in den exzellenten Rahmenbedingungen hierzulande begründet. Deutschland verfügt über ein umfangreich ausgebautes Straßen- und Schienennetz, eine gesicherte Energieversorgung und - trotz einer unerwartet zähen und zeitraubenden Koalitionsbildung - vielfach beneidete politische Stabilität. Außerdem ist es dank der geographischen Lage inmitten Europas der wichtigste Knotenpunkt zwischen Ost und West.

Damit sind schon einmal die grundlegenden Parameter abgesteckt, die einen sehr guten Nährboden für wirtschaftliches Wachstum bilden. Darüber hinaus zehren hiesige Unternehmen von einem der weltweit besten Ausbildungs- und Forschungssysteme. 64 Prozent der in unserer Studie befragten CFOs halten die deutsche Forschungslandschaft sogar für eine der fünf besten in Europa.

Um es zusammenzufassen: Die "German Gründlichkeit" treibt eine fein getunte Wirtschaftsmaschine an, die läuft und läuft und läuft.

Zurücklehnen gilt nicht - die Wirtschaft bleibt mobil und volatil

So weit so gut. Aber was nun? Zurücklehnen und schon einmal vorsorglich den Feierabend-Weißwein kühlstellen? So einfach ist es leider nicht, denn die Wirtschaft ist und bleibt ein mobiles und durchaus volatiles System: Wer stillsteht verliert - und das gilt auch für den Standort Deutschland.

Das zeigt sich auch darin, dass viele Tochtergesellschaften laut unserer Umfrage der Meinung sind, dass sie das Potenzial Deutschlands noch nicht vollständig ausschöpfen.

Eine Herausforderung ist der Fachkräftemangel. Er ergibt sich direkt aus einem der zentralen Erfolgsindikatoren der deutschen Wirtschaftslandschaft. Denn wenn praktisch Vollbeschäftigung herrscht, ist es nicht nur für ausländische Unternehmen umso schwerer, die nötigen gut ausgebildeten Arbeitnehmer für sich zu gewinnen.

Deutschland hat laut Eurostat nach Tschechien die zweitniedrigste Erwerbslosenquote in der EU. Die vielen jungen Menschen, die jedes Jahr die Universitäten und Ausbildungsstätten mit exzellenten Abschlüssen verlassen, sehen sich schlicht einer Vielzahl möglicher Arbeitgeber gegenüber und können es sich leisten, entsprechend wählerisch zu sein.

Deutsches Steuersystem bremst Investitionen aus dem Ausland

Zweitens reiben sich eine Reihe der befragten CFOs am hiesigen Steuersystem. Der Wirtschaftsmotor brummt, aber wenn er von einem umständlichen und übermäßig bürokratischen Fiskus gebremst wird, ist nichts gewonnen. Das gilt insbesondere für Unternehmen aus Ländern mit vermeintlich einfacheren und unternehmerfreundlicheren Steuersystemen wie Großbritannien, den Niederlanden oder der Schweiz. 21 Prozent der befragten CFOs über alle Länder hinweg halten unser Steuermodell sogar für eines der fünf schlechtesten in der EU.

Drittes Schwerpunktthema für deutsche Tochterunternehmen internationaler Konzerne ist der im internationalen Vergleich sehr streng gehandhabte Datenschutz in Deutschland. Die Regelungen sind beispielsweise deutlich schärfer als in den USA, was etwa für diese Firmen einen deutlichen Mehraufwand bedeutet.

Deutsche Töchter globaler Multis brauchen viel Eigenständigkeit

Trotz des bislang höchst positiven Klimas für internationale Investoren sollten die jetzt Herausforderungen konsequent angepackt werden. Dass dies erfolgreich macht, zeigt auch der Blick zehn Jahre zurück: Deutschland hat wie kaum wie ein anderes Land der Welt die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008 gemeistert und ist sogar gestärkt daraus hervorgegangen. Das gesetzlich verankerte Kurzarbeitszeitmodell ist nur ein Beispiel für kreative Lösungen, mit denen in Deutschland mit wirtschaftliche Risiken und Unabwägbarkeiten umgegangen wird.

Für internationale Konzerne wiederum lohnt es sich, ihren deutschen Tochterfirmen möglichst viel Eigenständigkeit zuzugestehen. Denn die Entscheider vor Ort wissen am besten, wie die konkreten Verhältnisse sind und können schneller und effektiver agieren, als ein räumlich getrenntes Management.

Konstantes, enges Mikromanagement über Länder und Kontinente hinweg ist keine sinnvolle Strategie. Lokale Flexibilität ist gerade in Deutschland mit seinen herausragend ausgebildeten Fachkräften und effektiven Compliance- und Management-Richtlinien oft sehr gut möglich.

Am Ende gilt: Die Mehrzahl der befragten CFOs rechnet mit dem Blick auf die kommenden drei Jahre damit, dass sich die deutsche Konjunktur weiterhin positiv entwickeln wird. Deutschland ist international gut angebunden, hält beste Beziehungen zu fast allen Ländern der Welt und ist damit das Paradebeispiel für gelebte Internationalisierung. Die größte Gefahr für das deutsche Erfolgsmodell sind nicht die "Tech Evangelists" aus dem Silicon Valley, sondern Selbstzufriedenheit und ein Verzicht auf weitere Reformen.

Andreas Glunz ist Wirtschaftsprüfer und Bereichsvorstand International Business bei KPMG. Sein Schwerpunkt ist die Beratung deutscher Tochtergesellschaften internationaler Unternehmen, insbesondere aus den USA, Großbritannien und Japan.

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