Samstag, 16. Dezember 2017

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Sondierungsgespräche der Jamaika-Koalition in Berlin Deutsche Start-ups brauchen ein Zuwanderungsgesetz

Mangel an IT-Experten: Es ist enorm schwierig, Entwickler aus Nicht-EU-Ländern nach Deutschland zu holen
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Mangel an IT-Experten: Es ist enorm schwierig, Entwickler aus Nicht-EU-Ländern nach Deutschland zu holen

Das Problem ist nicht neu, aber es wird ständig größer: In Deutschland fehlen an allen Ecken Programmierer - mehr als 50.000, schätzt der Branchenverband Bitkom. Auch e.ventures als Wagniskapitalgeber spürt den großen Mangel: Von den etwa hundert Start-ups, an denen wir beteiligt sind. Ist nahezu jedes auf der Jagd nach geeigneten IT-Spezialisten. Gesucht werden vor allem Backend-Entwickler sowie Programmierer, die sich mit der Software Ruby on Rails auskennen. Zunehmend werden auch Entwickler benötigt, die mit Blockchain-Anwendungen umgehen können.

Luis Hanemann
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    Gesine Born
    Luis Hanemann ist Partner beim Berliner Wagnisfinanzierer e.ventures. Zuvor war er unter anderem Marketingchef bei Rocket Internet.

Für den Erfolg eines Start-ups ist ein richtig zusammengesetztes Team wichtig. Es sollten Zahlenexperten, Marketingprofis und eben Technologen an Bord sein. Wenn Letztere fehlen, werden die schönen Businesspläne nur schleppend umgesetzt, weil Anwendungen, Webseiten oder Apps nicht programmiert werden können. Daher ist um die begehrten IT-Experten ein regelrechter Kampf ausgebrochen. Egal ob etablierte oder junge Firmen, alle wollen zusätzliche IT-Experten einstellen - und eben nicht BWLer oder Juristen.

Wer hat die besseren Karten?

Natürlich sind ein gutes Gehalt und ein sicherer Arbeitsplatz in einer etablierten Firma bei der Wahl des Jobs wichtig. Noch wichtiger sind für Entwickler allerdings der Standort des jeweiligen Unternehmens, das Arbeitsumfeld, die Firmenkultur und die Offenheit gegenüber IT-Spezialisten aus anderen Ländern. An dieser Stelle können Start-ups punkten, weil sie meistens deutlich besser auf die individuellen Wünsche der Entwickler eingehen.

Für ausländische IT-Experten ist zudem die Firmensprache elementar. Viele IT-Experten kommen aus Polen, Ungarn, der Ukraine oder Russland. In Start-ups ist meist Englisch die Unternehmenssprache, was ein wichtiger Erfolgsfaktor gegenüber traditionellen Unternehmen ist. In unseren Portfoliofirmen erlebe ich häufig, dass 50 Mitarbeiter aus 20 verschiedenen Nationen erfolgreich miteinander kommunizieren und zusammenarbeiten. Es funktioniert.

Hätten wir mehr gute Entwickler im Land, könnten unsere Unternehmen noch schneller wachsen und zukunftsfähiger werden. Was wir daher dringend brauchen, ist ein Einwanderungsgesetz - etwa ein Punktesystem nach kanadischem Vorbild. Der vereinfachte Zuzug für qualifizierte Menschen, die hier vor Ort gebraucht werden, würde dazu führen, dass freie Stellen schneller besetzt werden. Ein Punktesystem ließe sich flexibel auf besonders gefragte Berufe anpassen und würde für diese Spezialisten den Zuzug vereinfachen.

Ein Kompromiss, der allen nützt

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwierig es ist, Entwickler aus Nicht-EU-Ländern nach Deutschland zu bringen. In den Behörden wird kaum Englisch gesprochen, es gibt keine geregelten Prozesse, vieles bleibt unklar, die Anträge liegen häufig mehrere Monate herum. Wenn ein Start-up nicht kalkulieren kann, ob und wann seine frisch rekrutierten Entwickler ihre Arbeit aufnehmen können, ist das für die Gründerszene tödlich. Ein Einwanderungsgesetz könnte dieses Problem lösen und gleichzeitig für Klarheit beim Thema Zuwanderung sorgen. Es wäre ein Gewinn für alle, wenn sich die vier Parteien, die derzeit in Berlin um eine mögliche Jamaika-Koalition ringen, sich auf diesen gemeinsamen Nenner verständigen könnten.

Wenn unsere Unternehmen im digitalen Wettbewerb punkten wollen, müssen wir zudem den jungen Menschen im eigenen Land in der Ausbildung mehr praktische Fähigkeiten vermitteln. Das sehr wissenschaftlich geprägte Informatikstudium ist dafür nicht immer geeignet. Ich erlebe häufig, dass Programmierer auch ohne Studium sehr gute Entwickler sind. Wer sich das nötige Wissen selbst beibringt, arbeitet praxisnäher und agiler. Wir sollten deshalb schon in der Grundschule damit beginnen, Kinder an das Thema Informationstechnik heranzuführen und Programmieren in die Lehrpläne aufnehmen. In Ländern wie Finnland oder Estland ist das längst geschehen - und sie machen damit gute Erfahrungen.

Der Autor ist Mitglied der SPD.

Luis Hanemann ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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