Samstag, 1. Oktober 2016

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Die Problemlandkarte der deutschen Hochschulen Dem Uni-Bachelor geht es an den Kragen

Studenten-Demo in Berlin: Universitätspräsidenten beklatschen die Reform, müssen aber in manchen Studiengängen mehr als 1000 Klagen vor Gericht wegen Nichtzulassung zum Master-Studium bearbeiten.

Laut Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags wächst in der Praxis die Unzufriedenheit über die Bachelor-Absolventen. Waren 2011 noch 63 Prozent der Betriebe zufrieden, ist diese Zahl jetzt auf 47 Prozent gesunken. Es fehlt immer mehr an methodischen, sozialen, und persönlichen Kompetenzen. Das vernichtende Urteil: durchgefallen!

Christian Scholz
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    Christian Scholz
    Christian Scholz ist Professor für Betriebs-wirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes. Sein zentraler Tätigkeitsbereich ist die Erforschung der Arbeitswelt - von Personalmanagement bis Unternehmens-strategie. 2003 entstand die Trendstudie "Spieler ohne Stammplatzgarantie", 2014 das Nachfolgebuch "Generation Z". Sein jüngstes Buch "Schizo-Wirtschaft" ist im Campus-Verlag erschienen.
Auf der anderen Seite steht eine Studie des Stifterverbands: Danach sei der Bachelor ein absolutes Erfolgsmodell. Diese Einstufung wundert allerdings wenig, hat doch gerade der Stifterverband massiv für die Bachelor-Stufe getrommelt. Und DIE ZEIT - ebenfalls von Anfang an klar pro Bachelor eingestellt - fügt jubelnd hinzu, dass ein Bachelor inzwischen genauso viel verdient wie ein Master.

Dieses gespaltene Bild setzt sich fort: Universitätspräsidenten beklatschen die Reform, müssen aber in manchen Studiengängen mehr als 1000 Klagen vor Gericht wegen Nichtzulassung zum Master-Studium bearbeiten. Studierende monieren Verschulung und Leistungsdruck im Bachelor, sehen aber durchaus Vorteile darin, dass ihnen Denken abgenommen wird.

Die Problemlandkarte, die nach Veränderung schreit:

  • Problem 1: Die funktionale Vielfalt der Hochschulformen in Deutschland geht verloren. Universitäten sind nichts Besseres als Fachhochschulen, aber aus gutem Grund etwas Anderes. Widersinnige Vorschläge wie vom Wissenschaftsrat, der in mindestens einem Fall ganz locker die BWL einer Universität in eine lokale Fachhochschule abschieben wollte, verletzen diese Logik. Deutschland hat nichts davon, am Ende weder gute Fachhochschulen noch gute Universitäten zu haben.
  • Problem 2: Die in Bologna angedachte Differenzierung zwischen Bachelor und Master geht verloren. Wenn DIE ZEIT begeistert verkündigt, dass Bachelor-Absolventen so viel verdienen wie Master-Absolventen, dann ist das kein Zeichen für einen Erfolg von Bologna, sondern der ultimative Beleg für ein absolutes Scheitern. Denn warum brauchen wir noch Master-Abschlüsse, wenn der Arbeitsmarkt sie nicht honoriert? Außerdem bleibt die offene Frage, ob - wie auch immer honoriert - überhaupt Bachelors eingestellt werden! Und: Zwei Jahre länger zu studieren, um ein gleiches Gehalt zu bekommen, klingt für die Master-Studenten frustrierend. Und selbst wenn sich die zugrunde liegenden Zahlen der ZEIT als falsch erweisen, ist der Jubel problematisch: Wollen wir wirklich eine "Bachelor-Republik Deutschland"?
  • Problem 3: Die Passung zwischen Angebot und Nachfrage geht verloren. Natürlich haben vor allem die Großunternehmen mit lautstarken "Vordenkern" und "Politikberatern" diese bachelorzentrierte Umsetzung der Bologna-Reform gefordert, obwohl Bologna auch ganz andere Möglichkeiten eröffnet hätte. Gleichzeitig haben sie ihre Versprechen nicht eingelöst: Versprochen waren unter der Schlagzeile "Bachelor Welcome" dezidierte Einstiegsprogramme für Bachelor-Absolventen. Herausgekommen sind undifferenzierte Stellenausschreibungen mit "Abschlusstitel egal", wo dann aber im direkten Vergleich doch der Absolvent mit Master- oder Diplomabschluss gewinnt. Zudem gibt es für bestimmte Bachelor-Abschlüsse (wie "Bachelor in Psychologie") weiterhin keine akzeptierten Berufsbilder, die von der Praxis beziehungsweise den Berufsverbänden akzeptiert werden.
  • Problem 4: Die Demokratie an Hochschulen geht verloren. Derzeit existiert - weitgehend von der Öffentlichkeit übersehen - eine Situation des absoluten präsidialen Feudalismus. Der Universitätspräsident / Rektor entscheidet praktisch im Alleingang über Berufungen, Fakultätsstrukturen, Budgetverteilung sowie Lehre und Forschung. Er darf in einigen Fällen sogar entscheiden, wer zum Dekan ernannt wird und dann in den eigentlich als Kontrollgremium konzipierten Senat einzieht. Komplexe Systeme wie Hochschulen lassen sich nicht über eine feudalistische Zentralsteuerung von oben nach unten steuern. Sie produzieren - verstärkt durch die Bologna-Nachwirkungen - allenfalls bürokratische Wasserköpfe an der Spitze der Hochschule, die ihre Basis nicht mehr verstehen und im Ergebnis nur noch Frustration und Demotivation schaffen.

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