Mittwoch, 31. August 2016

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Schweinefleisch in Behördenkantinen Voll verbraten: Wie die Nord-CDU einen Kommunikations-GAU produzierte

Die Forderung der CDU Schleswig-Holstein, in behördlichen Kantinen weiterhin Schweinefleisch anzubieten, ist ein kommunikatives Desaster. Wirtschaftlich ist die These durchaus nachvollziehbar und vernünftig. Aber sie ist schlecht formuliert und falsch platziert. Und somit eine Einladung, den Vorschlag zu zerlegen - was die politische Gegner mit Genuss tun. Die Geschichte einer vermeidbaren Sauerei.

Freitags gab's immer Fisch, meine Mutter kochte katholisch. Zunächst Fischstäbchen, später richtigen Fisch. Ich habe es gehasst. Und esse bis heute keinen Fisch. Aber ich finde es gut und wichtig, dass jeder Mensch in Deutschland frei entscheiden kann, ob er Fisch essen möchte, oder nicht. Wenn er will, auch an einem Dienstag, den die Metzgerlobby während meiner Kindheit mit dem Slogan "Dienstag ist Schwienstag" für sich beanspruchte. Die Autobahn 2 in Nordrhein-Westfalen ziert der Slogan: "Nice to Meat". Fleisch macht zwar satt, aber offenbar nicht witzig. Auch nicht an einem Meatwoch. Oder in einem Meating der CDU. Das sollte meatlerweile deutlich geworden sein.

Klar ist: Das Schwein spielt eine wichtige wirtschaftliche Rolle, vor allem in Norddeutschland. Deutschland ist hinter China und den USA der drittgrößte Schweinefleischproduzent der Welt, 5,5 Milliarden Tonnen waren es im vergangenen Jahr. Besonders in Niedersachsen und Schleswig-Holstein, wo mehr Schweine als Menschen leben, ist die Mast ein enormer wirtschaftlicher Faktor, von dem viele Arbeitsplätze abhängen. Für die regionale Wirtschaft wäre es also überhaupt nicht gut, wenn Behördenkantinen auf Schweinefleisch verzichten würden. Im Einzelhandel würde man sowas als "Auslisten" bezeichnen.

Ich bin gegen jegliche staatliche Regulierung im privaten Konsumverhalten. Deshalb geht es in ihrem Vorschlag im Grunde auch nur darum, dass öffentliche Institutionen in ihren Kantinen den Menschen Schweinefleisch nicht vorenthalten sollten. Von einer "Schweinefleisch-Verzehrpflicht", die einige Medien und politische Gegner später daraus machten, war nie die Rede. Die Stellungnahme war allerdings derart undeutlich formuliert, schlecht kommuniziert und zudem auch noch denkbar dumm platziert - kurz vor den Landtagswahlen in drei Bundesländern. Das Ergebnis ist aus Sicht der Christdemokraten eine schöne Schweinerei.

Tom Buschardt
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    Tom Buschardt
    Tom Buschardt ist seit Ende der 1990er Jahre Medientrainer. Er coacht Vorstände und Politiker für den optimalen Auftritt vor Mikrofon, Kamera und Publikum. Seit 2004 ist er auch Dozent an der Akademie des Auswärtigen Amtes (Interviewtraining). Er arbeitete für zahlreiche Sender der ARD sowie RTL Aktuell und ist Experte für Krisenkommunikation. In seinem Buch "Feedback - Kommunikation optimieren" (Vistas, 12 Euro), beschäftigt er sich im Kapitel "Volkswagen - verbales Abwracken" ausführlich mit der Auseinandersetzung zwischen Winterkorn und Piech. www.buschardt.de
Dabei hatte der schleswig-holsteinische CDU-Fraktionschef Daniel Günther eigentlich nur eine Selbstverständlichkeit formuliert, als er sagte: "Wir wollen keine Schweinefleischpflicht, aber auch kein Verbot in die andere Richtung. In mehreren öffentlichen Einrichtungen in Schleswig-Holstein wird mit Verweis auf religiöse Minderheiten auf Schweinefleisch verzichtet. Das ist für mich falsch verstandene Toleranz." Das ist nichts weiter als ein Plädoyer für die Erhaltung der Angebotsvielfalt. Es wird ja auch niemand gezwungen, vegetarisch oder Fisch zu essen. Darin unterscheidet sich der CDU-Antrag übrigens grundlegend von der Idee der Grünen aus dem letzten Bundestagswahlkampf, einen verpflichtenden (!) Veggie-Day einführen zu wollen. Hier der Veggie-Zwang, dort das Erhalten einer Fleisch-Option: ein feiner, aber wesentlicher Unterschied.

Doch in seiner handwerklichen Ungeschicktheit, wurde der CDU-Vorschlag zur Steilvorlage für ihre Gegner. Und die machen kommunikativ alles richtig: Sie stilisieren die Aussage zu einem Schweinefleisch-Verzehrzwang hoch - und gegen diese (falsche) Behauptung gehen sie dann vor. Etwa der Grünen-Politiker Volker Beck, kurz vor seinem Rücktritt von allen Ämtern: "Es ist die autoritäre Denke der Rechtspopulisten, wenn Juden, Muslime, Vegetarier und Veganer zum Schweinefleischkonsum gezwungen werden sollen." Er widerspricht also einer Forderung, die niemand von der CDU gestellt hat. Das ist bereits die dunkle Seite der Rhetorik - aber für die Interessenlage der Grünen ist diese Technik gut gewählt, denn diesem Beck-Zitat kann vermutlich auch innerhalb der CDU so gut wie jeder zustimmen.

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt twitterte: "CDU fordert Integrationspflicht für Vegetarier". Auch das ist falsch, die Kritikerin versteht entweder den Vorschlag nicht - oder will ihn nicht verstehen, weil sie auf eine kurzfristige Schlagzeile aus ist. Selbst die als wirtschaftsfreundlich geltende FDP zerlegt den CDU-Vorschlag. Parteichef Christian Lindner verkündet ebenfalls via Twitter: "Erst #Veggieday, jetzt #Schweinefleischpflicht. Verrückte Idee: wie wäre es, wenn einfach jeder selbst entscheidet was er isst?" Später am Tag liefert der FDP-Vorsitzende per Posting einen Tellerporno aus der Mittagspause nach: Das Foto seines Spiegeleis auf matschigem Untergrund, den er als "Freiheit" bezeichnet. Nur gut, dass noch niemand per staatlicher Regulierung beschlossen hat, Spiegeleier aus dem Kantinenangebot zu streichen.

Als Anhänger der Marktwirtschaft müsste Lindner allerdings auch wissen, dass es für jede Konsumentscheidung zunächst ein Angebot geben muss. Der Betreiber der Grillbude in meinem Stadtteil kann entscheiden, ob er Gyros oder Döner anbietet. Seine Sache. Privat kann ich entscheiden, in welches Restaurant ich gehe. Meine Sache. In einer Behördenkantine sind die Möglichkeiten in der Mittagspause für die Beschäftigten wegen des Monopolcharakters eingeschränkt. Also muss das Angebot dort ein breiteres Spektrum abbilden als der Schnellimbiss oder das Vegane Restaurant. Aber so viel Marktwirtschaft passt nun mal nicht auf 140 Twitter-Zeichen.

Vermutlich hat bei der CDU auch der ein oder andere Schweinezucht-Lobbyist mal auf ein Rippchen vorbei geschaut, kann sein. Aber dadurch werden die Fakten ja nicht falsch: Zahlreiche Arbeitsplätze in Norddeutschland hängen an der Schweinezucht, sie ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Warum sollten also ausgerechnet staatliche Stellen kein Schweinefleisch in ihren Kantinen mehr anbieten? Städte wie Wolfsburg, Stuttgart, München oder Köln kämen doch auch nicht auf die Idee, sich zur autofreien Zone zu erklären.

Es mag in der menschlichen Natur liegen, stets darauf zu achten, was andere auf dem Teller haben. Aber gegessen wird nur das, was auf den eigenen Teller kommt. Und was das ist, entscheidet derjenige, der es bestellt und bezahlt hat - weil er es essen möchte.

Tom Buschardt ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.


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