Samstag, 21. Oktober 2017

Bundestagswahl: Angela Merkel im Rhetorik-Check Die Amtsinhaberin: Mensch und Rolle nicht mehr trennbar

Kaum eine Bundestagswahl war je so sehr rhetorisch getrieben wie diese. Die Köpfe entscheiden. Merkel oder Schulz? Eine Wirkungsanalyse ihres Auftretens zeigt, wie sie gegenüber dem Wähler wirken - und warum. Teil 1: Angela Merkel.

Um rhetorische Wirkung zu untersuchen, gibt es Kriterien - ähnlich den Hebeln, die man bewegt, um Reden und Antworten zu trainieren. Ich lege die Kriterien an, die ich auch in Wirkungsanalysen mit Klienten benutze: Modus, Argument-Struktur, Sprachstil, Sprechstil und Staging.

Stefan Wachtel
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    Etienne Fuchs
    Stefan Wachtel ist Executive Coach und bereitet beispielsweise Spitzenmanager auf öffentliche Auftritte vor. Er ist Autor von fünf Büchern, zuletzt "Executive Modus" bei Hanser. Außerdem ist der promovierte Sprechwissenschaftler gefragter TV-Experte, u.a. bei Bundestagswahlen.
  • www.expertexecutive.de

Das Thema der Kanzlerin heißt Wirkung. Bei ihren Auftritten geht es ihr nicht darum, wie die Dinge sind - sondern wie sie sein sollen. Wer ist die Zielgruppe? Was ich will ich erreichen? Diese Fragen scheinen über jedem Auftritt Angela Merkels zu schweben. Sie holt ihre Zuhörer ab, persönlich, pointiert. Sie spricht über Allgemeingültiges, Prinzipielles, ohne dabei abgehoben zu wirken. Anders gesagt: Merkel ist nicht im Erklärbär-Modus. Sie ist im Executive-Modus.

Modus: Staatsmännisch, nicht authentisch

Bei öffentlichen Auftritten spielt Angela Merkel stets die staatsmännische Rolle. Verlässt sie diese, verliert sie augenblicklich. Sie weiß das, und bleibt fast immer drin. Mensch und Rolle gehe eine Symbiose ein; man weiß nie, ob gerade Frau Merkel spricht oder die Bundeskanzlerin. Und das ist gewollt. Ihre Größe zeigt sie vor allem, wenn sie kritisiert wird: "Da habe ich noch etwas zum Nachdenken für den Nachhauseweg." Ganz groß.

Kritiker werfen ihr oft vor, dass sie mit ihrer unaufgeregten, fast langweiligen Art, alle politischen Unterschiede einebne. Das stimmt. Wer Merkel dennoch schlagfertige und selbstironische Statements entlocken will, muss sie verbal attackieren. Wird das Regieren mit den Jahren schwerer oder leichter, wird sie gefragt. Eine geschlossene Frage. "Schöner", antwortet sie, "schöner!"

Angela Merkel ist eine Protestantin, wie sie im Buche steht: Selbst in heller Begeisterung bleibt ihr Körperausdruck immer reduziert, beinahe verhalten. Vor allem aber ist sie in ihrem gesamten Auftreten immer konsequent in der Rolle. Sowohl rhetorisch als auch im Auftreten. Man wird vermutlich niemals irgendwo lesen, Angela Merkel habe sich zwei Mal vom Buffet genommen. Sie gibt sich vollkommen asexuell, kocht sich mal bescheiden eine Suppe, geht in der Uckermark spazieren. Der Mensch Merkel kommt in der Inszenierung Merkel so gut wie nicht vor.

Das Ergebnis ist: Angela Merkel ist nicht authentisch. Sie ist eine Kanzlerdarstellerin, die nur für Deutschland da ist. Eine verwegene Idee, so jemanden schlagen zu können.

Einmal war sie authentisch, als sie ein Flüchtlingskind trösten wollte. Das Ergebnis war: Ihre Beliebtheitswerte stürzten ab. Merkels Konsequenz war der Rückzug in die Rolle. Sie tut nun wieder, was alle von ihr erwarten und verlangen.

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