Dienstag, 21. November 2017

Bundestagswahl: Angela Merkel im Rhetorik-Check Die Amtsinhaberin: Mensch und Rolle nicht mehr trennbar

3. Teil: Sprachstil: Lahm und lieb

Auf tausend Merkelwörter kommen sieben Zahlen, das ist extrem wenig. Auch der Sprachstil der Kanzlerin folgt dem Wirkungsziel: Sie verwendet intensivierende Partikel: höchst, absolut, total, völlig, äußerst, bestmöglich. Und sie beherzigt, was alle Rhetorikexperten sagen: Sie benutzt viele Verben, eher wenige Nomen.

Ihr Feld ist die Dialektik - dies aber auch jenes. "Deshalb", "obwohl", "andererseits". Sie nutzt manchmal mehrere Adverbien hintereinander, oft bis zu vier - "sonst letztlich doch wieder" oder "manchmal vielleicht auch etwas". Solche Kreationen sind ebenso substanz- wie beispiellos. Aber dadurch entzerrt sie ihren Vortrag, schafft Luft. Ihr Kontrahent Martin Schulz komprimiert eher. Und jetzt raten Sie mal was erfolgreiche Redner wie Steve Jobs oder Barack Obama tun: entzerren!

Wer sie reden lässt, riskiert, dass sie sich in Gedankenschleifen verliert. Ihr Sprachstil ist in diesen Momenten so verschachtelt, dass der Überblick schwer ist. Macht ja nichts, wird ja nicht gedruckt. Und das Phänomenale: Merkelsätze sind oft sogar grammatisch falsch, anders als Schulz spricht sie nicht druckreif, dafür mit einer vergleichsweise einfachen Wortwahl. Der Vorwurf, Merkel sei emotionslos, stimmt in Bezug auf die Sprache schlicht nicht, im Gegenteil, es geht lieb zu und sehr oft "herzlich". Sie ist ein Apostel der gesprochen Sprache, nicht der Schriftsprache. Vokabeln, die mit politischen Themen zusammenhängen, sind selten. Der informelle Sprachstil ist ihr Markenzeichen.

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH