Dienstag, 17. Oktober 2017

Sahra Wagenknecht im Körpersprache-Check Die Linke und die Länge des Rocks

Der Erfolg einer Partei bei der Bundestagswahl hängt auch von der Körpersprache ihrer Spitzenkandidaten ab. Sie müssen uns das Gefühl vermitteln, unsere Emotionen zu verstehen. Erst in der Folge hören wir ihren Inhalten wohlwollend zu. Sicherheit, Aufgebrachtheit, Stabilität oder Aufbruch: Wer das nicht "verkörpert", bleibt ein Phrasendrescher. Im folgenden Text geht es ausschließlich um eine Analyse der non-verbalen Kommunikation - also der Körpersprache. Auf politische Inhalte wird kein Bezug genommen, dieser Text ist keine politische Meinungsäußerung des Autors.

Sahra Wagenknecht verleitet dazu, in der Analyse sehr allgemein zu bleiben. Oberflächlich betrachtet würde man sagen: Die Spitzenkandidatin der Linken macht alles richtig. Der Mensch tendiert dazu, einzelne gute Eindrücke dazu zu verwenden, das Negative zu überlagern. Deswegen finden Obama-Freaks nahezu alles am früheren US-Präsidenten toll. Auch Wagenknechts Körpersprache bietet einiges, das uns zu einem guten ersten Eindruck kommen lässt.

Stefan Verra
  • Copyright: Severin Schweiger
    Severin Schweiger
    Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten im deutschen Sprachraum. Seine Vortragsreisen führten ihn bisher in 13 Länder auf vier Kontinenten. Er ist Universitätsdozent, Bestsellerautor und teilt seine Tipps und Körpersprache Analysen auf www.stefanverra.com.

Sahra Wagenknecht ist eine attraktive Frau. Ja, ich weiß, was Sie jetzt rufen: "Bei Frauen kommt er sofort auf die Schönheit zu sprechen. Was für ein Chauvi!" Bis in meine Schreibstube kann ich es hören. Gemach, Gemach. Frau Wagenknecht weiß nämlich sehr genau, was sie tut. Kurze Beinkleider betonen ihre Beine, der Ohrschmuck ist ebenfalls ein Signal in diese Richtung. Damit betont sie ihre Weiblichkeit, was als körperliches Statement zu verstehen ist. Wenn Innenminister Thomas de Maiziere mit weit aufgeknöpften Hemd auftreten und seine männliche Brust zeigen würde, wäre das ebenfalls ein Statement - und zwar eines, das die Männlichkeit betont. Auch das würde ich als körpersprachliches Signal kommentieren.

Schau! Mich! An!

Diese Signale sind Unterscheidungsmerkmale zwischen Mann und Frau. Für sich allein transportieren sie keine politischen Inhalte, und doch setzt Wagenknecht bewusst auf ihre Wirkung. Sie setzt ihren Körper bewusst ein, ohne ihrem selbstbewussten Auftritt zu schaden. Denn Sie kombiniert diese Signale mit Signalen der Überlegenheit.

Ihr Blick ist sehr aufmerksam, erkennbar am beständig gehaltenen Blickkontakt zu ihrem Gegenüber. Als Beobachter vermittelt sie uns damit den Eindruck, sie wolle ihrem Gesprächspartner etwas intensiv mitteilen und interessiere sich dafür, ob er oder sie es auch wirklich verstanden hat. So wie eine Mutter oder ein Vater aufmerksam mit einem Kleinkind spricht.

Sie glauben, diese Art von Blickkontakt sei eine Selbstverständlichkeit bei Spitzenpolitikern? Weit gefehlt! Die Spitzenkandidaten einer anderen Partei beweisen, dass das ganz und gar nicht selbstverständlich ist. Der Blick zu Boden, in die Unterlagen oder auf die eigenen Hände ist eher die Regel als die Ausnahme.

Nicht so bei Wagenknecht. Selbst beim Zuhören ist ihr Blick voll und nahezu ununterbrochen beim Redner.

Ihr Gesicht ist frei und von allen Seiten sichtbar. Es ist ein Irrglaube, dass langes Haar offen getragen immer die beste Wirkung hat. Neurologen schütteln darüber nur den Kopf. Unser Gehirn will immer wissen, woran wir beim anderen sind. Wenn aber die Frisur Teile des Gesichtes verdeckt, können wir die Mimik nur unzureichend entschlüsseln. Damit wird ein Schönheitsideal über das Bedürfnis des anderen gestellt, im Gesicht des Gegenübers zu lesen. Wagenknecht macht auch das genau richtig.

Ihr Körper ist dem Zuhörer zugewandt. Wenn uns jemand nicht nur die Augen, sondern auch den Rumpf zuwendet, verspüren wir eine besondere Aufmerksamkeit. Wagenknecht tut das. Selbst beim Gehen neben anderen Menschen oder in Talkshows, in denen die Gäste nebeneinander aufgereiht sitzen, dreht sie ihren Rumpf, so gut es geht, zum jeweiligen Redner. Ebenfalls gut gemacht.

Mach 's mit Köpfchen

Auch ihre Kopfhaltung ist auffällig. Wie ein Mensch seinen Kopf hält, verleitet uns sofort zu einer Einschätzung der Person. Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göhring-Eckardt hält ihren Kopf eher nach unten, Wagenknecht macht das Gegenteil. Ihr Kinn hält sie leicht über der Horizontlinie. Nein, das hat weniger damit zu tun, dass sie zu anderen aufschauen müsste. Auch große Menschen machen das bisweilen, Barack Obama zum Beispiel.

Diese Haltung verleiht zum einen eine gewisse Erhabenheit und vermittelt gleichzeitig Weitblick. Man schaut sozusagen nicht auf die kleinen Steinchen, die einem im Weg liegen, sondern hat das große Ziel im Blick. Das signalisiert Alphaqualitäten. Es macht allerdings auch unnahbar und streift bisweilen oft haarscharf an der Überheblichkeit vorbei.

Ich ahne, was Sie jetzt denken. "Der Schreiberling ist ein Linker! Das erkennt man doch an seiner Lobhudelei." Aber noch einmal: Gemach! Zum einen wirken die genannten Faktoren positiv bei allen Menschen. Auch bei Ihnen. Zum anderen bin ich noch nicht am Ende.

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