Freitag, 22. September 2017

Grüne in der Piraten-Falle Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir im Körpersprache-Check

Der Erfolg einer Partei bei der Bundestagswahl hängt auch von der Körpersprache ihrer Spitzenkandidaten ab. Sie müssen uns das Gefühl vermitteln, unsere Emotionen zu verstehen. Erst in der Folge hören wir ihren Inhalten wohlwollend zu. Sicherheit, Aufgebrachtheit, Stabilität oder Aufbruch: Wer das nicht "verkörpert", bleibt ein Phrasendrescher. Im folgenden Text geht es ausschließlich um eine Analyse der non-verbalen Kommunikation - also der Körpersprache. Auf politische Inhalte wird kein Bezug genommen, dieser Text ist keine politische Meinungsäußerung des Autors.

Als die Grünen im Januar ankündigten, mit Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir als Doppelspitze zur Bundestagswahl anzutreten, hatte ich so meine Bedenken. Und zwar nicht nur wegen der Personen an sich. Es geht um ein evolutionäres Problem, das die Grünen haben - eines, an dem schon die Piraten gescheitert sind.

Stefan Verra
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    Severin Schweiger
    Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten im deutschen Sprachraum. Seine Vortragsreisen führten ihn bisher in 13 Länder auf vier Kontinenten. Er ist Universitätsdozent, Bestsellerautor und teilt seine Tipps und Körpersprache Analysen auf www.stefanverra.com.

Im Grunde ist eine Bundestagswahl das Gleiche wie die Wahl des Alphatieres in einem Rudel: Wie seit Urzeiten üblich, erhält der Kandidat den meisten Zuspruch, der den Wählerinnen und Wählern am besten das Gefühl vermittelt, ihre individuellen Sorgen lösen und Hoffnungen erfüllen zu können.

Jede Partei hat dazu einen Spitzenkandidaten auserkoren. Zu jedem dieser Menschen haben Sie als Wähler ein bestimmtes Gefühl. Vielleicht finden Sie Angela Merkel stabil - oder aber viel zu unengagiert. Martin Schulz verkörpert für Sie möglicherweise frischen Wind - oder Sie sehen in ihm den ewigen Buchhändler. Christian Lindner ist wahlweise das starke Zugpferd oder der nervige Emporkömmling.

Das Dilemma der Doppelspitze

Zu jedem Kandidaten und jeder Kandidatin haben Sie eine bestimmte Emotion - und entsprechend wird hochwahrscheinlich ihre Wahlentscheidung ausfallen. Nun haben die Grünen aber zwei Spitzenleute. Damit ist eine eindeutige Zustimmung nicht möglich. Vielleicht gefällt Ihnen Göhring-Eckardt als Frau, die stark genug ist, um Merkel Paroli zu bieten, aber Özdemir ist so gar nicht Ihr Fall. Oder Sie halten Özdemir für einen klugen Kopf, finden Göring-Eckhardt aber unsympathisch.

Vielleicht war das ja Teil des Kalküls der Grünen: Wenn wir zwei Kandidaten aufstellen, ist für jeden Wähler etwas dabei. In der Realität ist aber das Gegenteil der Fall: Je mehr Kandidaten es gibt, desto geringer wird die Schnittmenge der Wähler, die mit beiden etwas anfangen können. Und damit fallen diese Stimmen weg.

Die Piraten haben das vorexerziert. Wer keinen eindeutigen Spitzenkandidaten aufstellt, bietet den Wählern keine Heimat, niemanden, bei dem sie vertrauensvoll ihre Sorgen abgeben können. Je diffuser es wird, desto unwählbarer wird eine Partei.

Göhring-Eckardt: Überlegenheit und Weitblick fehlen

Dabei kann Göhring-Eckardt durchaus Menschen mitreißen. Ihre deutliche Gestik und ihre laute Stimme lassen ihr Bedürfnis, sich einzubringen, glaubwürdig erscheinen. Sie kann das. Es ist aber nicht ihre Grundhaltung.

In zu vielen Momenten zeigt sie ihren Unmut. Sie verzieht den Mund, klopft ungeduldig mit ihren Händen auf den Tisch, sie verdreht die Augen und schüttelt andeutungsweise den Kopf. Dabei wirkt sie bisweilen genervt. Nun mag ja sein, dass man vom politischen Gegner nicht viel hält, allerdings sind bei der Führung eines Staates mit 80 Millionen Einwohnern persönliche Animositäten fehl am Platz.

Wer allzu schnell beleidigt ist - oder zumindest den Anschein erweckt -, stellt scheinbar seine persönliche Gefühlswelt vor das Wohl des großen Ganzen. Während an der Kanzlerin nahezu jede missliebige Äußerung abperlt, zuckt Göhring-Eckardt mit jedem Gesichtsmuskel und man sieht ihr den Widerwillen deutlich an. Da fehlt Stabilität. (Quelle: hart aber fair, bei dessen Redaktion wir uns herzlich für die Genehmigung bedanken)

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Bild: hartaberfair

Göhring-Eckart lässt ein Signal vermissen, dass wir von Alphatieren dringend erwarten: Den Blick in die Ferne. Damit zeigt man Überlegenheit und Weitblick. Eckart signalisiert mit ihrer gesenkten Kopfhaltung dagegen Unterordnung. Besonders gut ersichtlich ist es im direkten Vergleich zu ihren Mitbewerbern.

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Bild: hartaberfair

Cem Özdemir wirkt da arrivierter, fast als wäre er der Amtsinhaber. Seine Gestik ist ruhig, die Hände bleiben meist nahe am Rumpf. Die Gesichtsmimik macht sehr wenig. Es ist meist schwer zu erkennen, ob er lächelt, ernst blickt oder zornig ist. Sein Ausdruck bewegt sich in engen Grenzen. Doch je schwerer wir die Mimik lesen können, desto schwerer können wir einen Menschen auch einschätzen. "Meint er das so, wie er es sagt?" Die Frage kommt da schnell mal auf. Es fällt schwerer, Vertrauen aufzubauen.

Cem Özdemir: Gelernte statt echte Emotion

Ich habe den Eindruck, als wisse Özdemir um diese, seine Eigenschaft. Deswegen dreht er manchmal so richtig auf. Allerdings wirkt dann alles ein wenig aufgesetzt. Er versucht, emotional zu sein. Erkennbar an den immer gleichen Auf- und Ab-Bewegungen seines (meist linken) Armes. Die Bewegung ist so automatisiert, dass er sie auch dann macht, wenn er gerade nichts sagt.

Wieso er beim Wort "Kohl" mit dem Arm fuchtelt (siehe Video, 0:21; Quelle: Reuters)? Unergründlich, denn das Wort ist nicht besonders betont. Da stimmen Inhalt und Körpersprache nicht überein. Noch deutlicher wird es gut zehn Sekunden später (0:33). Hier will er betonen: "… und das IST". Leider kommt der Handkantenschlag beim "IST" etwas zu spät. Das ist meist ein Zeichen, dass die Bewegung eher gelernt, als gefühlt ist. Bei echten Emotionen kommt der Körper immer vor dem Wort. Sie treten ja auch zuerst auf die Bremse und fluchen erst danach über die Radarfalle.

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Bild: REUTERS

In Sachfragen und inhaltlichen Angelegenheiten mögen Katrin Göhring-Eckardt und Cem Özdemir große Assets der Grünen sein. Allerdings werden Sachfragen meist von Menschen in der zweiten Reihe gelöst. Beide mögen innerlich bewegte und engagierte Menschen sein, sie haben aber nicht das Talent, dies nach außen zu zeigen. Damit fällt es den WählerInnen schwer, eine emotionale Bindung zu ihnen aufzubauen. Claudia Roth, Winfried Kretschmann und Joschka Fischer haben da deutlich bessere Identifikationsflächen geboten.

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Unser Gastkommentator Stefan Verra ist einer der gefragtesten Experten für Körpersprache, Dozent und Autor zahlreicher Bücher. Der Autor ist Österreicher - von Deutschland kennt er Weißwurst, Schietwetter und den Stau auf der A8 Richtung Salzburg. Er lebt seit einigen Jahren in München und hat mittlerweile so gut Deutsch gelernt, dass er sich hierzulande einigermaßen durchschlagen kann. Politisch hat er überhaupt keine Meinung zu den einzelnen Kandidaten.
Verra ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Dennoch gibt sein Beitrag nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider. Wir bedanken uns an dieser Stelle bei HART ABER FAIR für die Genehmigung zur Verwendung der oben zitierten Video-Passagen.

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