Samstag, 28. Mai 2016

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mm-Grafik Franzosen sind produktiver als Deutsche

Beschäftigte in Deutschland stellen pro Arbeitsstunde Güter im Wert von 43 Euro her - kaum mehr als vor sechs Jahren; offenbar lahmt der technische Fortschritt im Vergleich zum Jobwunder. Die Franzosen halten ihren Vorsprung in der Arbeitsproduktivität, die Spanier holen auf.


Hamburg - Das Klischee vom fleißigen Deutschen im Gegensatz zu faulen Südeuropäern wird in der Debatte um die Euro-Krise immer wieder bemüht. Für die Zeit von der Euro-Einführung bis zur Finanzkrise scheint die Grafik von Statista das Vorurteil auf den ersten Blick zu bestätigen: Die Produktivität in Italien und Spanien stagniert von 1999 bis 2007 auf niedrigem Niveau, während sie im Norden Europas große Fortschritte macht.

Seitdem aber ist der Trend - mit Ausnahme Italiens - gebrochen. Die Spanier holen rapide auf und haben die Italiener mit einer durchschnittlichen Produktivität von 32,50 Euro pro Arbeitsstunde schon überholt. In Nordeuropa herrscht Stagnation, wobei Frankreich mit 46,70 Euro einen klaren Vorsprung gegenüber den 42,80 Euro in Deutschland wahrt.

Fleiß oder Faulheit sind aber ohnehin die geringsten Faktoren, um die Statistik zu erklären. Die Zahlen messen eher, wie kapitalintensiv die Produktion abläuft und wie der technische Fortschritt dabei hilft, mehr Leistung in einer Arbeitsstunde zu erzielen. Die aktuelle Stagnation könnte man als Argument für eine Investitionsschwäche deuten - oder gar für die von Ökonomen wie Larry Summers vertretene These von der "säkularen Stagnation", dass auf Dauer keine Rückkehr zu hohen Wachstumsraten zu erwarten sei.

Leerlauf am Arbeitsplatz

Diese Zahlen betreffen die Gesamtwirtschaft. In der Industrie ist sogar ein spürbarer Rückgang der Produktivität gegenüber Anfang 2008 zu verzeichnen - wenn auch nicht vergleichbar mit dem vorübergehenden tiefen Knick nach unten von 2008/2009. Damals ging die Wirtschaftsleistung dramatisch zurück, während die deutschen Unternehmen ihre Belegschaft zum Großteil hielten. Einen Teil des Rückgangs fingen Kurzarbeit und Ausgleich von Arbeitszeitkonten auf, doch viel Zeit wurde auch noch mit Leerlauf am Arbeitsplatz verbracht.

Der aktuelle Anstieg der Produktivität in Spanien liefert das Gegenstück dazu. Massenentlassungen vor allem am Bau haben die Arbeitslosenquote auf 25 Prozent getrieben. Zugleich ist zwar die Wirtschaftsleistung geschrumpft, aber längst nicht so steil. In produktiveren Sektoren blieb ein größerer Anteil der Beschäftigten im Job.

Großbritannien hat als Nicht-Euro-Land eine Sonderrolle in unserer Grafik. Die langfristige Abwertung des britischen Pfunds gegenüber dem Euro (mit einem besonders steilen Rutsch im Krisenjahr 2008) überzeichnet die Stagnation. In Pfund gerechnet, wäre die rote Kurve steiler angestiegen - allerdings nur bis 2009. Seitdem erholt sich der Wechselkurs wieder, die Produktivität geht also in Pfund noch stärker zurück als in Euro.


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