30.08.2017

Dieselkrise

Merkels Blankoscheck für Volkswagen, Daimler und Co

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mit dpa

DPA

Angela Merkel ist "enttäuscht" von der Autoindustrie, will ihr im Zuge des Abgas- und Dieselskandals aber auch keine Daumenschrauben anlegen

Angela Merkel fordert die Autobosse auf, stärker an alternativen Antrieben zu arbeiten. Das war's dann auch schon, mehr will sie der deutschen Schlüsselindustrie nicht zumuten. Eine teure Hardware-Nachrüstung für Millionen Diesel-Autos oder gar ein Verbot von Verbrennungsmotoren müssen VW, Daimler und Co nach der Bundestagswahl nicht fürchten - macht die alte und neue Kanzlerin in spe deutlich.

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Daimler: 20.479 verkaufte Elektroautos 2016

Vorstandschef Dieter Zetsche lancierte die reine Elektroautomarke EQ, trat beim Grünen-Parteitag auf und will künftig alle Mercedes-Modelle elektrifizieren - reif für die Autowende, könnte man meinen. Einschließlich der Marke Smart (deren neue Elektromodelle erst im Sommer 2017 auf den Markt kamen) reichte es im globalen Ranking der Elektroautobauer 2016 aber nicht ganz für die Top Ten - auf Augenhöhe mit mehreren chinesischen Firmen wie Chery, Zhidou oder SAIC Roewe.
Quelle: EV Sales Blog

Ford

Platz 9, Ford: 25.297 verkaufte Elektroautos 2016

Der Ford Fusion Energi führt immerhin das Ranking im Segment der Mittelklassewagen an. Der US-Konzern macht aber eher mit Innovationen für autonomes Fahren von sich reden - einer weiteren Herausforderung, die hohe Investitionen von den Konzernen verlangt.

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Platz 8, General Motors: 32.733 verkaufte Elektroautos 2016

Der Chevrolet Bolt ist prestigeträchtig für GM-Chefin Mary Barra - als erstes Elektroauto, das zu einem für Normalverdiener akzeptablen Preis eine Reichweite über 500 Kilometer ohne Nachladen bietet. Doch die Nachfrage enttäuschte die hohen Erwartungen bisher. Andere Marken des Konzerns wie Cadillac spielen für die E-Mobilität kaum eine Rolle. Bevor Opels Bolt-Variante Ampera-E zu den Händlern kam, verkaufte GM die Marke Opel an Peugeot.

Platz 7, Zotye: 37.363 verkaufte Elektroautos 2016

China ist der mit Abstand größte Absatzmarkt für elektrisch angetriebene Fahrzeuge. Den staatlich geförderten neuen Markt haben sich vor allem private Hersteller zum Aufstieg zunutze gemacht. Minifahrzeuge wie das Zotye Cloud kommen kaum über den chinesischen Stadtverkehr hinaus. In der heutigen Welt der E-Mobilität sind sie aber schon eine Größe.

REUTERS

Platz 6, BAIC: 46.420 verkaufte Elektroautos 2016

Als einer der großen staatlichen Autohersteller, die ihre hohen Stückzahlen meist in Joint-Ventures mit Westkonzernen herstellen (in diesem Fall zum Beispiel Beijing Benz), ist BAIC auch mit von der Partie. Jetzt will Daimler die Fabrik in Peking auch für gemeinsame Elektro-Produktion aufrüsten.

Volkswagen

Platz 5, Volkswagen: 58.474 verkaufte Elektroautos 2016

Der größte deutsche Autokonzern hat bisher nur Elektro- und Hybridvarianten seiner bestehenden Modellpalette im Angebot; die große Elektrooffensive soll in den kommenden Jahren bis 2025 kommen. Zusammengenommen sind die Absatzzahlen der Konzernmarken VW, Audi und Porsche (letztere nur für Europa und Nordamerika) schon beachtlich.

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Platz 4, BMW: 62.148 verkaufte Elektroautos 2016

Um das Batteriefahrzeug i3 und den Hybrid-Sportwagen i8 hat BMW bereits eine eigene Elektromarke etabliert. Der frühe große Wurf mit futuristischem Design und Carbon-Karosserien hat den Bayern einen Startvorteil unter den deutschen Herstellern verschafft. In diesem Jahr wollen sie mehr als 100.000 E-Mobile verkaufen.

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Platz 3, Tesla: 76.243 verkaufte Elektroautos 2016

100 Prozent batterieelektrisch - das ist das Alleinstellungsmerkmal des kalifornischen Unternehmens, das dank hoher Erwartungen an der Börse mehr wert ist als etablierte Konzerne mit Multi-Millionen-Absatz. Der Plan von Tesla-Chef Elon Musk kann aufgehen, wenn das im Sommer 2017 gestartete Mittelklassemodell 3 die Verkaufszahlen (bisher nur der teureren Modelle S und X) in die Hunderttausende katapultiert.

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Platz 2, BYD: 100.183 verkaufte Elektroautos 2016

Der Batteriehersteller BYD (Build Your Dreams) aus China bot eine frühe Wette auf einen kommenden Elektroautoboom - die zwischenzeitlich schon einmal schiefzugehen schien. Inzwischen zahlt sich das Investment für Großaktionär Warren Buffett aber bereits aus. Die elektrischen Bestseller in China kommen von BYD. Mit Daimler betreibt das Unternehmen auch noch ein E-Auto-Joint-Venture namens Denza - das jedoch ist momentan ein Sanierungsfall.

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Platz 1, Renault-Nissan-Mitsubishi: 118.378 verkaufte Elektroautos 2016

Der heimliche Superstar der Elektromobilität ist Carlos Ghosn, der zwischenzeitlich den Chefposten in allen drei miteinander verbundenen Konzernen besetzte. Mit dem Renault Zoe, dem Mitsubishi Outlander Plug-in-Hybrid und dem Nissan Leaf kamen die drei meistverkauften Elektroautos in Europa alle aus seinem Reich, das 2016 um Mitsubishi vergrößert würde. Der Nissan Leaf führt sogar weltweit - mit knappem Abstand vor dem Tesla Model S.
Quelle: EV Sales Blog

Die deutschen Autobauer werden auch unter einer neuen, CDU-geführten Bundesregierung keine Hardware-Nachrüstung älterer Diesel-Motoren oder gar ein Verbot von Verbrennungsmotoren fürchten müssen. Das ließ Bundeskanzlerin Angela am Dienstagabend in Berlin durchblicken.

Die Kanzlerin forderte von der Autoindustrie zwar mehr Einsatz zur Lösung des Diesel- und Abgasproblems. Klar sei aber, dass Verbrennungsmotoren auf Jahre und Jahrzehnte noch eine Rolle spielen würden. Von einer Motor-Nachrüstung alter Diesel-Fahrzeuge halte sie wenig. Kosten und Nutzen dafür stünden in keinem vernünftigen Verhältnis, um den Status-quo deutlich zu verbessern, meinte die Kanzlerin.

Merkel verteidigt damit den Standpunkt der Autobauer, die zum Diesel-Gipfel Anfang August lediglich ein Software-Update für gut fünf Millionen Dieselautos versprochen haben, um deren Stickoxidausstoß etwas zu mindern. Eine Nachrüstung der Wagen mit neuer Motor-Hardware lehnen sie rundweg ab. Dies könnte die Autobauer bis zu 10 Milliarden Euro kosten.

Umweltexperten und einzelne Vertreter der Branche selbst betonen allerdings, dass lediglich eine Hardeware-Nachrüstung den Stickoxidausstoß nachhaltig reduzieren werde. Allein mit einem Software-Update der Dieselautos werde die Stickoxid-Konzentration in der Luft von Großstädten nicht auf die gesetzlichen Grenzwerte abgesenkt werden können. Diesel-Fahrzeugen drohten damit weiterhin Fahrverbote in deutschen Großstädten, sind Bundesumweltministerin Barbara Hendricks als auch andere Experten überzeugt.

Nun sind die Parteien mitten im Bundestagswahlkampf, und der Verbrennungsmotor ist - wenn auch mit unterschiedlichen Vorzeichen - durch apodiktische Aussagen von CSU und Grünen - unversehens zum Knackpunkt für spätere Koalitionsverhandlungen geworden.

Geschickt machte Merkel deshalb deutlich, dass sie ihr Bekenntnis zum Verbrennungsmotor nicht als Blankoscheck für alle Ewigkeit verstanden wissen möchte. Die Industrie müsse selbstverständlich parallel an alternativen Antrieben arbeiten, hob sie mahnend hervor.

Diese wachsweiche Forderung dürfte Deutschlands Autobosse wenig einschüchtern. Zumal: Auch wenn sie wie Volkswagen die Entwicklung und den Bau von Elektroautos lange vernachlässigten, arbeiten sie nun so intensiver daran, sich nicht von Tesla-Chef Elon Musk und seinem massentauglichen Model 3 abhängen zu lassen.

Merkel ist "enttäuscht" von der Autoindustrie

Merkel betonte gleichwohl, sie sei von der Autoindustrie "sehr enttäuscht". Dies werde sich auch bei der Eröffnung der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt am 14. September nochmals deutlich machen. "Ich werde auf der IAA nicht anders sprechen als auf den Marktplätzen."

Auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz wandte sich gegen mögliche Fahrverbote, weil sie vor allem Pendler träfen. Eine Umrüstung müsse schnell erfolgen. Dies gelte für die Software- und - wenn nötig - auch für die Hardware, schob er abweichend zu Merkel nach.

Die sozialdemokratische Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hatte dagegen noch vor Tagen erklärt: "Es wird eine Nachrüstung der Hardware, also eine Abgasreinigung geben müssen." Derzeit sieht es nicht danach aus, dass sich diese Forderung in einer möglichen Großen Koalition durchsetzen ließe.

Und die Drohung des Grünen-Spitzenkandidaten Cem Özdemir, seine Partei werde keine Koalition eingehen, "die nicht das Ende der Ära des fossilen Verbrennungsmotors einleitet und den Einstieg in den abgasfreien Verkehr schafft", lässt für mögliche Koalitionsgespräche dann noch viel Verhandlungsspielraum.

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