Freitag, 29. Juli 2016

Müllers Memo Wie die digitale Wirtschaft Jobs vernichtet

Taxibetrieb in Indien: Fortschritt auch fürs Droschkengewerbe unvermeidlich

Namhafte Ökonomen prophezeien: Die Digitalisierung wird massiv Arbeitsplätze vernichten - gerade jene der Mittelschicht.

Gelassenheit herrscht im Lande und bei den Wirtschaftspolitikern. Schließlich läuft der Arbeitsmarkt nach wie vor rund, wie die neuen Zahlen der BA am Donnerstag zeigen dürften. Dass die Digitalisierung dabei ist, den Arbeitsmarkt dramatisch zu verändern - in Deutschland ist das bislang kein großes Thema.

Oder nicht mehr, muss man eigentlich sagen, denn unter deutschen Gewerkschaftern herrschte lange die Angst vor dem "Jobkiller Computer". Eine Haltung, die von den vermeintlich aufgeklärteren Zeitgenossen gerne belächelt wurde: Arbeitsplätze, die an der einen Stelle verloren gehen, entstünden bekanntlich an anderer Stelle der Wirtschaft neu, also kein Grund zur Panik.

Dabei zeigen derzeit verschiedene international viel beachtete Studien, dass es keine Kleinigkeit ist, wenn immer größere Teile der Wertschöpfung nicht mehr in der physischen Welt stattfinden, sondern in Form von Daten. So warnt eine Untersuchung der britischen Universität Oxford, knapp die Hälfte aller heutigen Jobs stünden auf dem Spiel. In den kommenden Jahrzehnten würden überwiegend Arbeitsplätze in Transport und Logistik überflüssig, außerdem ein Großteil der Beschäftigten in Büros und Verwaltungen. Die verschärfte Computerisierung des 21. Jahrhunderts werde vor allem gering qualifizierte Niedrigverdiener treffen, aber längst nicht nur sie.

Gefangen in einem "verarmenden Produktivitätswachstum"?

Den bislang noch wohlhabenden Mittelschichten werde die digitale Revolution der Wirtschaft eine "lange Misere" bringen, prophezeien die namhaften US-Ökonomen Jeffrey Sachs und Laurence Kotlikoff in einer anderen Untersuchung. Die Welt sei gefangen in einem "verarmenden Produktivitätswachstum": Die Maschinen werden immer klüger und leistungsfähiger, aber für die Masse der Menschen springe dabei nicht viel heraus. Womöglich, unken die beiden Volkswirte düster, hätten ja die "Ludditen" - die Maschinenstürmer des frühen 19. Jahrhunderts - doch recht gehabt.

Mit gemischten Gefühlen sehen auch Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vom Massachusetts Insitute of Technology (MIT) die Digitalisierung. In ihrem Bestseller "The New Machine Age" arbeiten sie zwei Effekte heraus, einen positiven und einen negativen. Den positiven nennen sie "Fülle" ("Bounty"), den negativen "Streuung" ("Spread"). Einerseits steige die Verfügbarkeit von digitalisierbaren Dingen und Diensten dramatisch, bei immer weiter sinkenden Preisen. Andererseits kämen die Erträge der neuen Produktionsweisen nur wenigen zugute, was in einer potenziell extremen Polarisierung von Einkommen und Entfaltungschancen resultiere.

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