Sonntag, 30. April 2017

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Tatort Euro "Geld kann man drucken, Vertrauen nicht"

"Ist hier jemand systemrelevant?": Hans Magnus Enzensberger und Joachim Starbatty üben Kritik an der Euro-Krisenpolitik

Bis zum Bundesverfassungsgericht hat Joachim Starbatty jahrzehntelang den Euro bekämpft, vor seiner Einführung und bis heute. In seinem neuen Buch plädiert er nun für einen konsolidierten Euro-Raum - und wettert mit Hans Magnus Enzensberger gegen Spekulanten.

München - Sie kannten sich nur von der "Strompost" her. So nennt der in München lebende Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, 83, den Verkehr via E-Mail. In diesem Fall hat er mit Joachim Starbatty, 72, verkehrt: emeritierter Volkswirtschaftsprofessor der Universität Tübingen und Autor des heute in München vorgestellten Buches "Tatort Euro".

Der Dichter hat dem Professor als Vorwort seinen Euro-Fragebogen gespendet, der Anfang des Jahres schon in der Züricher Weltwoche abgedruckt wurde. Darin fragt er den Leser süffisant, ob die Vermutung stimme, dass Europa von Abkürzungen wie ESM, EFSF und IMF regiert werde, und ob er diese gewählt habe. Oder ob er wisse, was der Ausdruck "quantitative Lockerung" bedeute - etwa eine Yoga-Übung?

So ein Fragebogen sei doch mal was anderes als diese ewigen Talkshow-Phrasen, sagt Enzensberger am Rande der Buchvorstellung; außerdem sei er viel "heimtückischer". Er, der als halbes Kind das Kriegsende im Volkssturm erlebt hat, will sich auf jeden Fall als interessierter Europäer verstanden wissen, der das Wort "Erbfeind" nie wieder hören möchte. Der Euro aber, ist er überzeugt, bringt die Völker in Europa gegeneinander auf.

"Ist hier jemand systemrelevant?"

So liefert der von jeher eher links verortete Schriftsteller dem konservativen Berufs-Euro-Gegner Starbatty heute vor der Presse die passenden Stichworte, etwa mit der Frage: "Wenn hier jemand systemrelevant ist, möge er die Hand heben". Oder mit dem Bild, die Politiker Europas hätten sich beim Anstreichen des Fußbodens in die Ecke gemalt: "Sie kommen nicht mehr raus, ohne sich zu bekleckern".

Schön auch Enzensbergers Satz: "Geld kann man drucken, Vertrauen nicht". Das passt zu Starbattys Untertitel "Bürger schützt das Recht, die Demokratie und euer Vermögen". Sie sollen ihrem tief empfundenen Misstrauen freie Bahn lassen.

Der Professor, Schüler von Alfred Müller-Armack und einer, der sein Leben der Währungspolitik gewidmet hat, will die Bürger aufrütteln, den Irrweg der Politiker zu beenden und auszusteigen aus der Rettungspolitik der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Sogar einer neuen Partei will er dafür beratend zur Seite stehen. Die soll schon zur Bundestagswahl im September als "Wahlalternative" bereit stehen.

Im Grunde habe ja schon die jüngste Parlamentswahl in Italien eine Niederlage für Merkel bedeutet und die Europäische Zentralbank (EZB) in ein Dilemma gestürzt, sagt Starbatty. Die Italiener hätten Regierungschef Mario Monti mit seiner ohnehin nur halbherzigen Austerity-Politik abgewählt - und damit auch Merkel. "Wenn die Italiener es nicht machen, warum sollen die Spanier es dann machen?", fragt er und lässt dabei seine tiefe Längsfalte auf der Stirn noch tiefer werden. "Die Griechen machen es ja schon lange nicht mehr". Den klugen Leuten von der EZB werde nun sicher eine Erklärung einfallen, warum sie von den strengen Bedingungen für den versprochenen unbegrenzten Kauf von Staatsanleihen hoch verschuldeter Staaten leider abweichen müssten.

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