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24.12.2012
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Einwanderungswelle
Die Euro-Avantgarde

Von Henrik Müller

Zuwanderung ohne Grenzen: Finanzkrise und EU-Erweiterung sorgen für Zustrom aus Südeuropa
DPA

Zuwanderung ohne Grenzen: Finanzkrise und EU-Erweiterung sorgen für Zustrom aus Südeuropa

Millionen von Süd- und Osteuropäern sind auf dem Weg nach Deutschland. Sie stellen einen neuen Typus dar: den Bürger der künftigen Vereinigten Staaten von Europa. Übertrieben? Mitnichten.

Der Grieche Fotis Marantos (38) sorgt sich um die Zukunft seiner drei kleinen Kinder.

Der Rumäne Mircea Petrescu (29) sucht das Land, das ihm in Europa die besten Karrierechancen bietet.

Der Spanier Pere Miró Ramírez (30) möchte endlich unter verlässlichen Bedingungen seine Spitzenforschung betreiben können.

Der Bulgare Stefan Dinov (57) hat endlich einen festen Job als Bauingenieur.

Vier Menschen, die sich im abgelaufenen Jahr für Deutschland als Wohn-, Lebens- und Arbeitsort entschieden haben. Vier Menschen, die Teil einer in ihren Dimensionen bislang weitgehend unbeachteten Einwanderungswelle sind. Vier Menschen, die wir im aktuellen Heft in einem umfangreichen Report näher vorstellen.

Um rund 400.000 Personen ist die Bevölkerung Deutschlands 2012 durch Immigration gewachsen - das ist der höchste Zuwanderungssaldo seit zwei Jahrzehnten. Doch anders als damals handelt es sich heute um eine Einwanderung in den Arbeitsmarkt aus der direkten europäischen Umgebung. Diese Menschen werden Deutschland ökonomisch voranbringen. Vielleicht noch wichtiger: Sie werden Europa nachhaltig verändern, und zwar zum Besseren.

Denn die neue Generation von Euro-Migranten überwindet mühelos Staatsgrenzen. Sie nutzt die Chancen, die sich ihr im grenzenlosen Binnenmarkt bieten. Sie bringt den Euro-Raum dem Ökonomen-Ideal eines "optimalen Währungsraums" näher. Weder der jeweilige Geburts- oder Wohnort sind für sie noch unabänderliches Schicksal, sondern Optionen in einem großen wirtschaftsgeografischen Menü. Die Nation ist nicht mehr der alleinige kulturelle Bezugspunkt.

Kurz: Die Euro-Migranten sind die Avantgarde eines neuen europäischen Bürgertums, das das gesellschaftliche Fundament legt für eine viel weitergehende staatliche Integration, als bisher möglich schien. Das mag übertrieben klingen. Aber das ist es nicht.

Drei Faktoren verleihen der neuen Migrationswelle eine neue Qualität:

1. Die kulturellen Grenzen innerhalb Europas sind tiefergelegt

Quer durch Europa sind die Bildungsstandards in den vergangenen zwei Generationen stark gestiegen. Die Gastarbeiter der 50er bis 70er Jahre kamen ohne Sprach- und Landeskenntnisse, meist aus ländlichen Regionen in die deutschen Ballungsgebiete.

Heute sind Fremdsprachenkenntnisse sind viel weiter verbreitet. Konsum-, Lebens- und Arbeitsgewohnheiten haben sich angenähert. Internet und Airlines bilden ein eng geflochtenes Netzwerk. Es ist heute für die Europäer viel leichter, sich in den übrigen Ländern des Kontinents zurückzufinden.

Eine vollständige Integration ist gar nicht nötig: In den europäischen Großstädten kann man sich auf Dauer einrichten, ohne seine eigenen kulturellen Wurzeln vollständig kappen zu müssen. Man kann bayerischer Grieche, Portugiese in Hamburg, Stuttgarter Spanier sein.

2. Migration ist keine Einbahnstraße mehr

Die neuen europäischen Bürger verharren nicht mehr unbedingt an ihrem neuen Wohnort. Vielmehr bildet sich ein "zirkuläres Migrationsmodell" heraus, wie Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, sagt: "Die Leute kommen hierher, einige kehren nach fünf Jahren, andere nach zehn oder erst nach 20 Jahren zurück, nehmen dann aber ihre Kontakte und Geschäftsbeziehungen mit ins Heimatland."

Einige der heutigen Einwanderer werden noch anderswo hinziehen. So wie jener junge Ingenieur, den wir für den Report im Heft getroffen haben: Er stammt aus Südspanien, hat in den vergangenen Jahren in Schottland und in Frankreich gearbeitet. Nun schafft er in der Nähe von Mannheim - und träumt davon, doch wieder näher bei seiner Freundin zu sein, die in Südfrankreich arbeitet.

Natürlich spricht er ganz selbstverständlich Englisch, Französisch und Deutsch. Diese Multimigranten bringen angenommene Gewohnheiten mit. Und sie bringen ein tieferes Verständnis für ihre früheren Wohnländer an ihre neuen Lebensorte mit. Eine Offenheit, die wiederum auf andere Menschen dort abfärbt.

3. Die Krise kann zum gemeinschaftsstärkenden Ereignis werden

Derzeit sind die Verstimmungen unüberhörbar. Die Europäer haben sich durch die Krise auseinanderdividiert. Gerade die Deutschen sind derzeit nicht sonderlich beliebt, wie wir kürzlich in einem umfangreichen Artikel analysiert haben.

Aber bei allen Problemen und allem Ärger gilt auch: Falls die Europäer diese Krise überstehen, falls das Euro-Land nach dem Nahtoderlebnis reanimiert und revitalisiert wird, dann kann sich ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl ausbreiten. Dann könnte dereinst die Euro-Schieflage der Jahre 2010ff als Großereignis gesehen werden, das Europa als Schicksalsgemeinschaft etabliert hat.

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Zur Person

manager magazin

Henrik Müller ist stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Mehr zum Thema in

Heft 1/2013

Einwanderung
Mehr über die Immigrationswelle lesen Sie im Heft ab Seite 88.









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