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14. Dezember 2012, 11:49 Uhr

Einwanderungswelle

"Zuwanderer sollten uns nicht schrecken"

Von Henrik Müller

Deutschland steht am Beginn der größten Einwanderungswelle seit einer Generation. Die Bundesrepublik wird mittelfristig von diesem Zuzug profitieren, sagt Raimund Becker, Vorstand bei der Bundesagentur für Arbeit. Deutschland zeige jetzt eine größere Offenheit beim Thema Zuwanderung - doch wir können noch mehr tun.

mm: Herr Becker, im aktuellen Heft befassen wir uns in einem großen Report mit der Einwanderungswelle, die Deutschland derzeit erlebt. 2011 kamen rund 280.000 mehr Menschen nach Deutschland, als das Land verließen. 2012 dürfte der Zuwanderungssaldo bei fast 400.000 liegen. Ziemlich spektakulär, oder?

Becker: In der Tat - gemessen an der Entwicklung im vergangenen Jahrzehnt, als die Zuwanderungsdynamik immer weiter abnahm und wir zeitweise ein Auswanderungsland waren. Die Frage ist aber, ob dieses hohe Zuwanderungssaldo automatisch andauert und ob wir damit auf Dauer unsere demographischen Probleme lösen können.

mm: Warum? Die Entwicklung geht doch erst mal so weiter.

Becker: Was die grundsätzliche Richtung angeht, ja: In den nächsten fünf bis acht Jahren wird mit einem ansteigenden Zustrom von Beschäftigten aus Südeuropa zu rechnen sein. Mittelfristig wird die Bundesrepublik deshalb von diesem Zuzug profitieren.

mm: Aber?

Becker: Aber langfristig, also auf Jahrzehnte gesehen, wird Zuwanderung aus dem übrigen Europa die demografischen Probleme nicht lösen, weil auch in den anderen Ländern in Europa zu wenig Kinder geboren werden. Da dürfen wir uns keinen Illusionen hingeben.

mm: Bevölkerungsforscher des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, das Ihrem Haus angegliedert ist, haben berechnet: Bei einem Einwanderungsüberschuss von 400.000 ließe sich die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter hierzulande bis 2050 stabilisieren. Das ist praktisch unmöglich?

Becker: Über lange Zeiträume so viele Menschen nach Deutschland zu locken, das erfordert große Anstrengungen. Ich glaube aber nicht, dass eine dauerhaft hohe Einwanderung unmöglich ist - schließlich hatten wir im Schnitt der Jahre 1950 bis 2000 einen Zuwanderungssaldo von immerhin 200.000 Personen pro Jahr. Dafür aber müssen wir andere Lösungen erarbeiten: Wir müssen Potenziale auch außerhalb der EU, zum Beispiel in Asien und in Afrika, erschließen. Und eines dürfen wir nicht vergessen: Ohne steigende Erwerbstätigkeit von Frauen und Älteren hierzulande wird sich die demographische Wende nicht meistern lassen - egal wie viele Zuwanderer kommen.

mm: Sie halten den derzeitigen Deutschland-Boom für ein Übergangsphänomen?

Becker: Derzeit überlagern sich zwei Effekte: Erstens gilt innerhalb der EU seit Frühjahr 2011 die volle Freizügigkeit, das heißt Niederlassungsfreiheit auch für die Osteuropäer, mit Ausnahme Rumäniens und Bulgariens. Polen, Ungarn oder Tschechen können seitdem ungehindert nach Deutschland ziehen, und davon machen viele Gebrauch. Zweitens sorgt die Krise in Südeuropa für Perspektivlosigkeit, weshalb jetzt immer mehr Spanier, Griechen, Portugiesen und zunehmend auch Italiener zu uns kommen. Aber wie gesagt: Perspektivisch wird sich die Lage dort normalisieren, so dass die Zuwanderung von dort abflauen wird.

mm: Werden die Leute, die jetzt zu uns kommen, sich auf Dauer hier ansiedeln?

Becker: Einige sicher. Aber wie groß der Anteil derjenigen sein wird, die dauerhaft bei uns bleiben, wird davon abhängen, wie leicht wir es den Neubürgern machen, sich hierzulande heimisch zu fühlen.

In der Vergangenheit war Deutschland nicht sonderlich attraktiv

mm: Tun wir zu wenig?

Becker: Jedenfalls könnten wir noch mehr tun. 40 Jahre lang…

… seit dem Anwerbestopp für Gastarbeiter 1973…

Becker: …haben wir uns in Deutschland zu wenig um Zuwanderung und rasche Integration von Zuwanderern bemüht. Auch deshalb waren wir in der Vergangenheit als Einwanderungsland nicht sonderlich attraktiv. Das ändert sich jetzt wegen unserer relativ guten Wirtschaftslage. Und es löst auch bei uns einen Lerneffekt aus. Ich spüre, wie viele Menschen sich inzwischen ernsthaft um das Thema bemühen. Ich erlebe das vor Ort in den Kommunen. Arbeitnehmer sind der knappe Faktor für die weitere Wirtschaftsentwicklung. Deshalb müssen Arbeitgeber, Behörden, Kammern und Verbände noch viel intensiver daran arbeiten, dass die Neubürger nicht nur als Arbeitskräfte behandelt werden, sondern dass auch soziale Teilhabe stattfindet. Das fängt an bei der Integration der Kinder in den Kindergärten an und endet nicht bei der Frage, wie man sich im Sportverein engagiert. Das geht hin bis zur Frage, wie man dem Ehemann oder der Ehefrau hilft, ebenfalls sozialen Anschluss zu finden. Ich glaube, diese zusätzliche Integrationsleistung nach der Migration nach Deutschland darf man nicht unterschätzen.

mm: Aber nicht alle werden bleiben.

Becker: Nein, natürlich nicht. Ich glaube aber, wir werden ein zirkuläres Migrationsmodell erleben: Die Leute kommen hierher, einige kehren nach fünf Jahren, andere nach zehn oder erst nach 20 Jahren zurück, nehmen dann aber ihre Kontakte und Geschäftsbeziehungen mit ins Heimatland. Das nutzt auch der Wirtschaft in Deutschland. Grundsätzlich werden die Arbeitnehmer in Europa mobiler und flexibler. Sie gehen dorthin, wo sie die besten Chancen für sich sehen.

mm: Mit anderen Worten: Die Leute bleiben vielleicht nicht auf Dauer, aber sie wandern direkt in den Arbeitsmarkt ein - anders als in den vergangenen Jahrzehnten, als genau das von deutscher Seite gar nicht gewünscht war.

Becker: Die Diskussion um Fachkräfteengpässe hat einen Paradigmenwechsel bewirkt. Deutschland zeigt jetzt eine größere Offenheit beim Thema Zuwanderung also noch vor ein paar Jahren. Gleichzeitig beobachten wir, dass die Zahl der ausländischen Beschäftigten zunimmt. Insofern: Ja, die derzeitige Einwanderung ist primär eine Immigration direkt in den Arbeitsmarkt. Das ist eine gute Entwicklung angesichts der Engpässe an Arbeitskräften, die es inzwischen in vielen Regionen, Branchen und Qualifikationen gibt.

mm: Aber das muss nicht so bleiben?

Becker: Es wäre überraschend, wenn es so bliebe. Schauen Sie sich das Muster von Einwanderungswellen an: Als erste kommen die Hauptverdiener. Dann ziehen Familien nach. Somit verschlechtert sich das Verhältnis von Beschäftigten zu Nichtbeschäftigten im Zeitablauf. Das ist ganz normal und sollte uns nicht schrecken.

mm: Kann der hiesige Arbeitsmarkt den Zuzug von Millionen ausländischen Arbeitskräften verkraften? Oder droht die Arbeitslosigkeit deshalb wieder anzusteigen?

Becker: Klar ist, dass wir die Zuwanderung aus Europa in unser Land wegen der Arbeitnehmerfreizügigkeit nicht steuern können. Deswegen sollten wir bei der Anwerbung von Fachkräften aus Drittstaaten - also außerhalb der EU - nach einer Positivliste oder einem Punktesystem vorzugehen, so dass nur der Zugang in Mangelberufe stattfindet. So kann eine verträgliche Zuwanderung ohne Verdrängungseffekte gelingen.


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