Dienstag, 30. Juni 2015

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Einwanderungswelle "Zuwanderer sollten uns nicht schrecken"

Zuwanderungsland: "Wir müssen intensiver daran arbeiten, dass die Neubürger nicht nur als Arbeitskräfte behandelt werden"

2. Teil: In der Vergangenheit war Deutschland nicht sonderlich attraktiv

mm: Tun wir zu wenig?

Becker: Jedenfalls könnten wir noch mehr tun. 40 Jahre lang…

… seit dem Anwerbestopp für Gastarbeiter 1973…

Becker: …haben wir uns in Deutschland zu wenig um Zuwanderung und rasche Integration von Zuwanderern bemüht. Auch deshalb waren wir in der Vergangenheit als Einwanderungsland nicht sonderlich attraktiv. Das ändert sich jetzt wegen unserer relativ guten Wirtschaftslage. Und es löst auch bei uns einen Lerneffekt aus. Ich spüre, wie viele Menschen sich inzwischen ernsthaft um das Thema bemühen. Ich erlebe das vor Ort in den Kommunen. Arbeitnehmer sind der knappe Faktor für die weitere Wirtschaftsentwicklung. Deshalb müssen Arbeitgeber, Behörden, Kammern und Verbände noch viel intensiver daran arbeiten, dass die Neubürger nicht nur als Arbeitskräfte behandelt werden, sondern dass auch soziale Teilhabe stattfindet. Das fängt an bei der Integration der Kinder in den Kindergärten an und endet nicht bei der Frage, wie man sich im Sportverein engagiert. Das geht hin bis zur Frage, wie man dem Ehemann oder der Ehefrau hilft, ebenfalls sozialen Anschluss zu finden. Ich glaube, diese zusätzliche Integrationsleistung nach der Migration nach Deutschland darf man nicht unterschätzen.

mm: Aber nicht alle werden bleiben.

Becker: Nein, natürlich nicht. Ich glaube aber, wir werden ein zirkuläres Migrationsmodell erleben: Die Leute kommen hierher, einige kehren nach fünf Jahren, andere nach zehn oder erst nach 20 Jahren zurück, nehmen dann aber ihre Kontakte und Geschäftsbeziehungen mit ins Heimatland. Das nutzt auch der Wirtschaft in Deutschland. Grundsätzlich werden die Arbeitnehmer in Europa mobiler und flexibler. Sie gehen dorthin, wo sie die besten Chancen für sich sehen.

mm: Mit anderen Worten: Die Leute bleiben vielleicht nicht auf Dauer, aber sie wandern direkt in den Arbeitsmarkt ein - anders als in den vergangenen Jahrzehnten, als genau das von deutscher Seite gar nicht gewünscht war.

Becker: Die Diskussion um Fachkräfteengpässe hat einen Paradigmenwechsel bewirkt. Deutschland zeigt jetzt eine größere Offenheit beim Thema Zuwanderung also noch vor ein paar Jahren. Gleichzeitig beobachten wir, dass die Zahl der ausländischen Beschäftigten zunimmt. Insofern: Ja, die derzeitige Einwanderung ist primär eine Immigration direkt in den Arbeitsmarkt. Das ist eine gute Entwicklung angesichts der Engpässe an Arbeitskräften, die es inzwischen in vielen Regionen, Branchen und Qualifikationen gibt.

mm: Aber das muss nicht so bleiben?

Becker: Es wäre überraschend, wenn es so bliebe. Schauen Sie sich das Muster von Einwanderungswellen an: Als erste kommen die Hauptverdiener. Dann ziehen Familien nach. Somit verschlechtert sich das Verhältnis von Beschäftigten zu Nichtbeschäftigten im Zeitablauf. Das ist ganz normal und sollte uns nicht schrecken.

mm: Kann der hiesige Arbeitsmarkt den Zuzug von Millionen ausländischen Arbeitskräften verkraften? Oder droht die Arbeitslosigkeit deshalb wieder anzusteigen?

Becker: Klar ist, dass wir die Zuwanderung aus Europa in unser Land wegen der Arbeitnehmerfreizügigkeit nicht steuern können. Deswegen sollten wir bei der Anwerbung von Fachkräften aus Drittstaaten - also außerhalb der EU - nach einer Positivliste oder einem Punktesystem vorzugehen, so dass nur der Zugang in Mangelberufe stattfindet. So kann eine verträgliche Zuwanderung ohne Verdrängungseffekte gelingen.

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