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17.12.2012
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Einwanderungswelle
"Diese Chance sollten wir uns nicht entgehen lassen"

Von Henrik Müller

Ausländischer IT-Experte in Berlin: "Deutschland wird wieder zum Einwanderungsland"
REUTERS

Ausländischer IT-Experte in Berlin: "Deutschland wird wieder zum Einwanderungsland"

Massenimmigration aus Südeuropa prognostiziert der Kieler Wirtschaftsforscher Carsten-Patrick Meier den Deutschen im Gespräch. Jetzt komme es darauf an, die neue Bevölkerungsdynamik in dauerhaftes Wachstum für Deutschland zu verwandeln. Gefordert sei vor allem die Politik.

mm: Herr Meier, für unser aktuelles Heft haben Sie eine mittelfristige Einwanderungsprognose berechnet. Sie sagen die größte Einwanderungswelle seit Anfang der 90er Jahre vorher: Bis 2017 sollen danach 2,2 Millionen Menschen zusätzlich nach Deutschland einwandern. Überraschend hohe Zahlen, oder?

Meier: Finden Sie? Mich überrascht das wenig. Wir erleben derzeit eine extrem asymmetrische Wirtschaftsentwicklung in Europa: Der Süden durchleidet eine tiefe Krise, während sich Deutschland immer noch vergleichsweise robusten Wachstums erfreut. Und das wird mittelfristig auch so bleiben: Unseren Berechnungen zufolge wird es zwar in den kommenden Jahren eine gewisse Normalisierung in Südeuropa geben. Das heißt: Die Wirtschaftsleistung wird nicht weiter fallen. Aber der Arbeitsmarkt wird darauf zunächst kaum reagieren. Die Arbeitslosenzahlen dort bleiben hoch. Entsprechend werden sich immer mehr Menschen dafür entscheiden, nach Deutschland zu kommen.

mm: Für 2012 rechnen Sie mit einer Nettozuwanderung von knapp 390.000 Personen, nach 280.000 im Jahr 2011. Das sind Einwanderungsüberschüsse, die viel höher sind, als irgendein Experte in den vergangenen Jahren erwartet hätte.

Meier: Das stimmt. Zuwanderungssaldi von 400.000 sind in der Tat hoch. Man darf aber nicht vergessen, dass Deutschland seit den 50er Jahren strukturell ein Zuwanderungsland ist, das im langfristigen Durchschnitt eine Nettoimmigration von 200.000 Personen jährlich erreicht hat…

mm: … das aber seit dem Jahr 2000 immer mehr zum Auswanderungsland wurde, vor allem weil immer mehr qualifizierte Deutsche die Bundesrepublik verließen.

Meier: Auch das ist nicht überraschend: Wanderungsbewegungen sind in Friedenszeiten vor allem ökonomisch induziert. Arbeitslosigkeit treibt Menschen aus ihrer Heimat, hohe Einkommen anderswo ziehen Menschen an. Deutschland in den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende war eine Volkswirtschaft mit niedrigem Wachstum, relativ hoher Arbeitslosigkeit und stagnierenden Reallöhnen, während in vielen anderen Ländern ein kreditfinanzierter Boom herrschte. Kein Wunder, dass so viele Deutsche das Land verließen.

mm: Und jetzt drehen sich die Verhältnisse um?

Meier: Wir erleben eine Normalisierung. Deutschland wird wieder zum Einwanderungsland. Dabei kommt es, wie oft bei ökonomischen Anpassungsprozessen, zu einem Überschießen über den langfristig nachhaltigen Wert, den ich nach wie vor bei einem Wanderungssaldo von 200.000 vermute.

mm: Wie lange wird dieses "Überschießen", wie Sie sagen, andauern?

Meier: Aus heutiger Sicht wird uns das Phänomen der hohen Zuwanderungsüberschüsse bis zum Ende des Jahrzehnts begleiten. Unsere Fünf-Jahres-Prognose zeigt den Höhepunkt der Immigrationswelle für 2014 an. Dann wird der Zuwanderungssaldo deutlich über 500.000 Personen liegen. Diese Zahl basiert übrigens auf einem relativ konservativen Szenario.

mm: Konservativ?

Meier: Wie gesagt, wir rechnen mit einer allmählichen Normalisierung der Lage in Südeuropa. Das hängt aber von diversen politischen Entscheidungen ab. Zum Beispiel: Sollte es nicht gelingen, die Euro-Zone zu stabilisieren, etwa weil es keine Einigung über die künftige politische Struktur Europas gibt, weil die Europäische Zentralbank die Südstaaten doch nicht mit Anleihekäufen im Rahmen ihres OMT-Programms stützen kann und weil es deshalb zu einer weiteren Eskalation der Schuldenkrise kommt, dann kann sich die asymmetrische Entwicklung im Euro-Raum durchaus noch verschärfen - Deutschland wäre dann mit entsprechend höherem Zuwanderungsdruck konfrontiert.

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Zum Autor

Carsten-Patrick Meier, Geschäftsführer und Mitinhaber des privaten Forschungsinstituts Kiel Economics, gilt als einer der besten Kenner der deutschen Konjunktur. Zwischen 1998 und 2008 leitete er am Kieler Institut für Weltwirtschaft zunächst die Forschungsgruppe "Deutsche Konjunktur" und später den Forschungsbereich "Risiken im Bankensektor".

Für das manager magazin erstellt er seit Juni 2010 den mm-Indikator, die erste monatlich aktualisierte Vorausschau auf die jährliche Wachstumsrate der deutschen Wirtschaft.

Mehr zum Thema in

Heft 1/2013

Einwanderung
Mehr über die Immigrationswelle lesen Sie im Heft ab Seite 88.









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