Mittwoch, 28. September 2016

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Crowdsourcing Verdi warnt vor der Arbeitswolke

Der Einsatz von Cloud Computing kann für Arbeitnehmer Schattenseiten haben, befürchtet Verdi

IT-Unternehmen schreiben viele Aufträge für Freelancer via Internetplattformen weltweit aus. In einem Positionspapier warnt Verdi vor den Gefahren des Crowdsourcing. Die Gewerkschaft befürchtet ein "Preisdumping ungeahnten Ausmaßes", das rund 900.000 IT-Beschäftigte in Deutschland betrifft.

Hamburg - Die Programmierer sitzen in Bulgarien oder Russland, das Bildschirmdesign stammt von einem kleinen Unternehmen in Indien: Die Zusammenarbeit mit quer über den Globus verteilten Dienstleistern gehört in vielen IT-Unternehmen längst zum Alltag. Seit gut zehn Jahren werden große Projekte in viele kleine Arbeitsschritte zerlegt, von denen einige an externe Unternehmen in aller Welt ausgelagert werden.

Nun ruft ein neuer Trend die Gewerkschaft Verdi auf den Plan: Firmen nutzen Internetplattformen, um Arbeitsschritte an eine offene Gemeinschaft von Freelancern und "Freizeitarbeitern" auszulagern - ein Vorgang, den die Branche als Crowdsourcing bezeichnet.

Möglich ist das durch die Nutzung von Technologien aus sozialen Netzwerken. Auch die Auslagerung von Daten in die virtuelle Wolke, das sogenannte Cloud Computing, erleichtert diese Art der weltumspannenden Zusammenarbeit.

In einem Positionspapier, das manager magazin online exklusiv vorliegt, warnt Verdi vor den Gefahren dieser neuen Art der Arbeitsorganisation. Eine solche Arbeitsweise könne zur "massenhaften Vernichtung guter, sicherer und hochqualifizierter Arbeitsplätze" führen, heißt es in dem Papier. Dieses Prinzip der Arbeitsverlagerung könne einen Großteil der 900.000 IT-Beschäftigen in Deutschland betreffen.

Die Gewerkschaft fordert dazu auf, sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen von Crowdsourcing und Cloudworking auseinanderzusetzen. In den kommenden Tagen will Verdi das Positionspapier an die arbeitsmarktpolitischen Sprecher aller Parteien versenden.

Verdi fürchtet "Preisdumping ungeahnten Ausmaßes"

Die Arbeitnehmervertreter sehen ein gravierendes Problem bei dieser neuen Art der Arbeitsorganisation. Auf Internetplattformen wie freelancer.com, TopCoder oder Guru können Unternehmen Kleinaufträge weltweit ausschreiben. Jedes Mitglied in einem solchen Online-Arbeitsnetzwerk kann sich daranmachen, den von Unternehmen gewünschten Arbeitsschritt zu erledigen. Die fertigen Ergebnisse werden dem Auftraggeber und allen an der Ausschreibung Beteiligten präsentiert.

Das Unternehmen könne sich dann jenes Ergebnis aussuchen, das am besten seinen Vorstellungen entspricht. "Natürlich wird auch nur das bezahlt. Alle anderen Entwickler haben umsonst gearbeitet. Sie gehen leer aus", warnt die Gewerkschaft.

Durch diese Konkurrenz von allen mit allen entstehe ein "Preisdumping bisher ungeahnten Ausmaßes", schreiben die Unterzeichner des Papiers, zu denen neben Verdi-Chef Lothar Bsirske eine ganze Reihe Betriebsräte aus IT-Großunternehmen zählen.

Das unternehmerische Risiko werde auf Individuen verlagert, auch die Unternehmensbesteuerung könne so ausgehöhlt werden, heißt es in dem Papier. Als Konsequenzen erwarten die Gewerkschafter sinkende Zuflüsse in die Sozialversicherungssysteme und geringere Steuereinnahmen. Auch die Arbeitsbedingungen würden kannibalisiert, warnen die Verfasser.

Deshalb fordert die Gewerkschaft eine breite Auseinandersetzung mit den Konsequenzen von Crowdsourcing. Zudem wünschen sich die Arbeitnehmervertreter Instrumente, die es Auftraggebern unmöglich machen, sich mit solchen neuen Arbeitsmodellen der Finanzierung des Gemeinwohls zu entziehen.

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