Mittwoch, 29. März 2017

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Bürgermeisterwahl in Stuttgart "Dankbar, dass Kuhn den Bahnhofsbau nicht verzögern will"

Sebastian Turner: Verlor bei der Wahl zum Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart gegen Grünen-Politiker Kuhn

Sebastian Turner hat die Wahl um den Stuttgarter Oberbürgermeisterposten gegen den Grünen Bundespolitiker Kuhn verloren. Im Gespräch sagt er, warum er mit dem Ergebnis der Wahl und des Wahlkampfs dennoch zufrieden ist - und welcher Spott ihn nach der Niederlage am meisten getroffen hat.

mm: Herr Turner, wie enttäuscht sind Sie - auf einer Skala von eins ("Die Niederlage fühlt sich wie ein Sieg an") bis zehn ("Meines Lebens werde ich nun ganz gewiss nicht mehr froh")?

Turner: Ich nehme die 45,3 - das beste Ergebnis eines bürgerlichen Kandidaten in den grössten deutschen Städten seit Jahren.

mm: Sind Stuttgarts Bürger von den Grünen verführt worden oder einfach nur zu dumm gewesen, Sie zu wählen?

Turner: Sie sind weder dumm noch verführt. Sie haben einen bekannten und erfahrenen Kopf gewählt, der sich im Laufe des Wahlkampfes von allen eckigen grünen Programminhalten losgesagt hat. Wenn er sich an seine Wahlversprechen hält, dann macht er vieles so, wie ich es gemacht hätte. Seine Stuttgarter Gefolgsleute haben sich auf die Lippen gebissen, bei jeder seiner Abschwörungen - und mich hat es gefreut. Ganz besonders dankbar bin ich für sein Versprechen, dass er den Bahnhofsbau nicht verzögern will.

mm: Wenn Sie den Wahlkampf wiederholen könnten: Was würden Sie anders beziehungsweise besser machen?

Turner: Ich würde einen anderen Gegenkandidaten aussuchen, mehr so was Unbekanntes aus dem Fundi-Lager. Und ich würde dringend darum bitten, dass die Linke wie 1996 und 2004 bitte auch im zweiten Wahlgang gründlich zersplittert. Dann hätte meine Stimmenzahl auch für einen Sieg gereicht. Ich hatte die gleiche Stimmenanzahl wie Stuttgarts Ex-Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) bei den beiden vorherigen Wahlen.

mm: Warum wird ein Werbemann wie Sie mit einem Berufspolitiker wie Fritz Kuhn nicht im Handumdrehen fertig?

Turner: Kuhn ist als historischer Sonderfall die politische Treppe von oben herabgestiegen ("d Kellrstaffle ragsprunga") - anders als alle Politiker von Adenauer über Vogel und Lafontaine bis Tiefensee, die aus einem Rathaus in die Bundespolitik gegangen sind. Gegen den Vertrautheitsvorsprung eines eingeführten Bundesgesichtes ist nicht einfach anzukommen, schon gar nicht in einer Stadt mit langjähriger linker Mehrheit.

mm: Schnauze voll von der Lokalpolitik? Oder sagen Sie sich: Jetzt geht's in den Bundestag!

Turner: Jetzt geht's erst mal zu den Kindern.

mm: Sie haben Glück und brauchen nicht nach Stuttgart umzuziehen. Stimmt's?

Turner: Leicht suggestiver Unterton hier, scheint mir. Ich bin bereits nach Stuttgart umgezogen und überlege jetzt, ob ich einen Job als Spätzlesschaber oder als Maultäschner annehme.

mm: Welcher Trost nach Ihrer Wahlniederlage gefiel Ihnen am besten?

Turner: Meine Frau zeigte auf unsere Kinder und sagte: Das hier sind die wahren Wahlsieger.

mm: Welcher Spott hat Sie am meisten getroffen?

Turner: Ihre vorletzte Frage, ganz klar.

mm: Auf Seite eins präsentierte "Bild" nach der Wahl den neuen Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) beim bizarren Schein-Kaffeetrinken mit Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann im Garten der Villa Reitzenstein. Will man, wenn man derlei inszenierte Politpeinlichkeiten sieht, nicht einfach nur reiß aus nehmen und die Politik für immer hinter sich lassen?

Turner: Ich nehme mal an, dass es Fair-Trade-Kaffee ist und der Garten biologisch-dynamisch gedüngt wurde - dann geht es natürlich voll in Ordnung.

mm: Die Politik ist noch schlimmer als das Werbegeschäft: Falsch?

Turner: Schlimm sind immer nur die anderen.

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