Montag, 23. Juli 2018

Krankenversicherung Kampf um die Versicherten voll entbrannt

Chefarztvisite: In der PKV erhöhen viele Versicherte ihre Selbstbeteiligung, weil sie anders die hohen Kosten nicht drücken können, heißt es

Dank guter Konjunktur strotzt die gesetzliche Krankenversicherung vor Kraft - und ihre Protagonisten. Erneut holen sie zum Schlag gegen die PKV aus. Vor allem eine neue Studie sorgt für scharfe Kritik. Dabei gilt als sicher: Die PKV-Beiträge werden im kommenden Jahr weiter steigen.

Hamburg - Im Systemwettstreit mit der Privaten Krankenversicherung (PKV) hat der gesetzliche Wettbewerber (GKV) derzeit gute Karten. Genauer gesagt: Die GKV strotz nur so vor Kraft. Für ihre Protagonisten ist das Anlass genug, die PKV einmal mehr als mögliches Auslaufmodell anzugreifen.

Der gesetzlichen Krankenversicherung geht es finanziell so gut wie lange nicht mehr: Dank der guten Konjunktur wird der Gesundheitsfonds zum Jahresende auf zwölf Milliarden Euro anlaufen. Das ist weit mehr als erwartet, und im kommenden Jahr sollen die Reserven des Ausgleichsvehikels der Kassen auf 15 Milliarden Euro anschwellen.

Dabei sind die rund 22 Milliarden Euro hohen Überschüsse der gesetzlichen Kassen noch nicht eingerechnet. So viel vermeintlich überschüssiges Geld in einem System, das schon viel schlechtere Zeiten erlebt hat, schafft Begehrlichkeiten, schließlich gelten Krankenkassen nicht als Kapital hortende Bankinstitute. Ärzte zum Beispiel haben bereits höhere Honorare durchgedrückt.

Gesetzlich Versicherte, die jedes Jahr im Schnitt selbst 380 Euro beim Arzt, in der Klinik oder Apotheke zahlen, dürfen allenfalls damit rechnen, dass die wirkungslose Praxisgebühr entfällt. Niedrigere Beiträge sind nicht in Sicht. Während das politische Ränkespiel um geringe Erleichterungen kaum ein Ende findet, handeln die ersten Kassen - auch auf Druck der Politik.

Beitragserstattung der TK und anderer Kassen auch in der Kritik

So will die Techniker Krankenkasse (TK) ihren Versicherten 80 Euro Beitrag per Scheck erstatten und bis zu 60 Euro gezahlter Praxisgebühren, wenn sie an einem Vorsorgeprogramm teilnehmen. Einzelne, überwiegend kleinere Betriebskrankenkassen folgen diesem Beispiel. Andere Kassen weiten ihren Leistungskatalog aus.

Nur die wenigsten Kassen verfügen über so ein dickes Finanzpolster wie die TK, so eine vergleichsweise junge und gut verdienende Klientel, die zudem stetig wächst. Sie wollen oder können sich diese "Dividende" an die Versicherten, wie es die TK öffentlichkeitswirksam formuliert, nicht leisten.

AOK und DAK etwa halten nichts davon, Beiträge zu erstatten. Sie wollen lieber Sicherheitspolster aufbauen oder in zusätzliche Leistungen investieren. Noch weniger goutieren sie, marktübliche Bonusprogramme, die diese Kassen auch anböten, mit der Praxisgebühr zu vermengen. "Das ist eine krude PR-Sause", sagt DAK-Sprecher Jörg Bodanowitz. Er verweist darauf, dass DAK-Versicherte schon länger Geldprämien beziehen könnten, wenn sie an Vorsorgeprogrammen teilnehmen. Gerade wegen oder trotz des Einheitsbeitrags, der Wettbewerb unter den gesetzlichen Kassen um den Kunden nimmt also zu.

Der Vorstoß finanzstarker gesetzlicher Kassen zielt aber auch klar auf die private Konkurrenz. Mit der jetzt begonnen Praxis, Versicherten "überschüssige" Beiträge zu erstatten, verwischen einige Anbieter damit weiter bewusst die Grenzen zur PKV, umgarnen eben jene Gutverdiener, die dank ihres Einkommens frei entscheiden können, ob sie sich freiwillig in der GKV oder privat versichern.

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