Samstag, 23. Februar 2019

IG-BCE-Chef Vassiliadis "Energiewende so gestalten, dass sie für die Industrie tragbar ist"

Stahlproduktion: "Die Vorstellung, Unternehmen könnten immerfort im selben Maße Energie einsparen wie die Energiepreise steigen, ist unrealistisch"

Die deutsche Industrie ist verunsichert - und spart sich in die Krise. IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis fordert ein Energiekosten-Moratorium, um Gefahren für den Standort Deutschland abzuwenden. Die Politik solle sich verpflichten, fünf Jahre lang keine neuen Belastungen für energieintensive Firmen einzuführen.

mm: Herr Vassiliadis, im aktuellen Heft befassen wir uns in einem Report mit der Frage, ob Deutschland vor einer heftigen Rezession steht. Offenbar hängt das Wohl und Wehe der deutschen Wirtschaft jetzt an der Frage, ob die Unternehmen wieder investieren. Doch die stehen seit Monaten auf der Ausgabenbremse. Sparen wir uns in die Rezession?

Michael Vassiliadis: Die konjunkturelle Lage ist nicht in allen Branchen gleich gut oder schlecht. Das erschwert Prognosen über die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Gerade in dieser labilen Lage sollten wir aber alles vermeiden, was die Investitionsunsicherheit noch verstärkt.

mm: Sie sprechen von der Politik?

Vassiliadis: Ich spreche vor allem von der Energiewende. Die steigenden Kosten in Deutschland sind natürlich eine Belastung. Zumal es andere Industriestandorte gibt, wo die Energiekosten deutlich niedriger sind und weiter massiv sinken, insbesondere in den USA. Die vergleichweise gute konjunkturelle Entwicklung der vergangenen zwei Jahre sollte nicht den Blick für die Realitäten trüben. Wir leben nicht auf einer Insel der Glückseligen, sondern in einer globalisierten Welt.

mm: Sie fordern, die Energiewende wieder abzublasen, nur weil die USA hemmungslos Gas und Öl fördern?

Vassiliadis: Nein, wir stehen zur Energiewende ohne Wenn und Aber. Es geht mir um die Gestaltung. Wir schaffen die Wende nur mit Innovationen und Investitionen der Industrie. Die Politik sollte sich verpflichten, fünf Jahre lang keine neuen Belastungen für energieintensive Unternehmen einzuführen, um so für Planungssicherheit zu sorgen. Die Vorstellung, die Unternehmen könnten immerfort im selben Maße Energie einsparen wie die Energiepreise steigen, ist unrealistisch.

mm: Sie möchten eine Energiepolitik, die unter ständigem konjunkturpolitischen Vorbehalt steht. Wie soll das gehen?

Vassiliadis: Mir geht es darum, dass in Deutschland weiterhin investiert wird, dass wir eine lebendige industrielle Basis pflegen, dass es gute Arbeitsplätze mit ordentlicher Bezahlung gibt. Das ist ja keineswegs selbstverständlich und anders wird es auch nichts mit der Energiewende. Zudem industrielle Investitionen in Deutschland durchaus nicht immer auf Akzeptanz stoßen.

mm: Was meinen Sie damit?

Vassiliadis: Es ist ja nicht so, dass jedes Kraftwerk, jede neue industrielle Anlage begrüsst würde. Es gibt bei allen möglichen größeren Investitionsvorhaben kritische Debatten. Das ist schon etwas skurril. Einerseits sind viele Menschen stolz auf die Exporterfolge. Andererseits ist es durchaus strittig, ob wir weiterhin Investitionen und Wirtschaftswachstum brauchen und wollen. Auch weil bewusst suggeriert wird, alles sei gut, man könne es sich bequem zurücklehnen und nur noch die Früchte früherer Anstrengung ernten.

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