Mittwoch, 20. September 2017

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Windstromoffensive Norddeutschland will die neue Energiemacht werden

Wo die Rotoren drehen: Welche Bundesländer auf Windkraft setzen
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DPA

Schleswig-Holstein will den Rest der Republik mit Windstrom versorgen und baut seine Produktion massiv aus. Die Euphorie im Norden kennt kaum Grenzen, dabei ist der Erfolg des Vorhabens keineswegs sicher.

So richtig glücklich sieht Hermann Albers inmitten seiner vier neuen Windräder nicht aus. Langsam drehen sich die Flügel vor tiefgrauem Himmel, das stete Surren zeugt davon, dass der Strom fließt. Albers' Hof sieht gegen die Rotoren ziemlich klein aus.

"Eigentlich ist das Verschwendung", sagt Albers dennoch etwas unzufrieden. Im schwarz glänzenden Anzug steht er da, ein lila Einstecktuch in der Tasche, die grauen Haare nach hinten gekämmt. Albers ist Landwirt und Präsident des Bundesverbandes Windenergie, und am liebsten hätte er gleich viel höher gebaut. "Mit 150-Meter-Türmen wäre der Ertrag um 55 Prozent größer." Doch das Gesetz in Schleswig-Holstein sehe eben niedrige Anlagen vor. Albers musste sich mit dem kleinsten Turm des Herstellers Vestas Börsen-Chart zeigen mit weniger als 100 Metern begnügen.

Es ist eine Klage auf recht hohem Niveau. Schleswig-Holstein ist mit so viel Wind gesegnet, dass das Land seine Rolle als Energieexporteur auch mit etwas niedrigeren Türmen drastisch ausbauen kann. "Diese Stärken gilt es zum Wohle des Landes und seiner Menschen zu nutzen", heißt es bei der Landesregierung.

Drastischer Ausbau der Leistung

In den kommenden fünf Jahren soll die installierte Windkraftleistung an Land nach dem Willen der Kieler Regierung von momentan 3000 auf 9000 Megawatt steigen - das entspricht der Leistung von sechs modernen Atomkraftwerken und soll zudem nur eine Etappe sein. Bis zum Ende des Jahrzehnts will Schleswig-Holstein 300 Prozent seines eigenen Strombedarfs herstellen - obwohl in neun Jahren das letzte Atomkraftwerk (Brokdorf) vom Netz soll und sämtliche Projekte für neue Kohlekraftwerke gekippt sind.

Zusammen mit Niedersachsen, das ähnliche Pläne für die Windenergie verfolgt, ballt sich künftig ein Großteil der Energieerzeugung im Norden. Getrieben werden die Zubaupläne vom Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Es garantiert den Anlagenbetreibern feste Vergütungssätze über 20 Jahre.

Der massive Vorstoß stößt längst nicht überall in der Republik auf Wohlwollen. Bayern fühlt sich schon aus seinem Selbstverständnis als Freistaat heraus unwohl beim Gedanken an Importe aus dem Norden. Energiefachleute mahnen einen zügigen Netzausbau an, damit der Strom überhaupt zu den Fabriken und Städten im Süden transportiert werden kann, die Industrie warnt vor hohen Kosten. Auch Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) versucht den Norden etwas zu bremsen.

"Schleswig-Holstein ist schon lange Stromexportland", hält Energiewendeminister Robert Habeck (Grüne) dagegen. "Unser Windstrom soll in den Süden - etwa zu den großen Verbrauchszentren in Baden-Württemberg", sagt er gegenüber manager magazin online. "Und entgegen allen Unkenrufen von Altmaier: Baden-Württemberg will den Strom erklärtermaßen auch."

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