Freitag, 14. Dezember 2018

Altersarmut Wie die gesetzliche Rentenversicherung demontiert wurde

Die Vorsorgelüge: Private Rentenverträge werden häufig zu Lasten der Versicherten konstruiert, so die Autoren. Die Folge: Für viele Sparer werden private Rentenverträge zum Verlustgeschäft - ob mit oder ohne Förderung

Immer noch hält sich hartnäckig die These, ein Ausbau privater Altersvorsorge sei die Patentlösung aller Rentenprobleme. Ein neues Buch räumt mit dieser Mär auf. Eine Empfehlung der Autoren: Stoppt die Riester-Rente!

Der Begriff Altersarmut hat beste Chancen, die Energiewende als Polit-Schlagwort Nummer eins abzulösen. Die Parteien überbieten sich derzeit mit Konzepten gegen das drohende Massenschicksal magerer Renten. Dahinter steckt, wie so häufig, politisches Kalkül: Wer das Thema rechtzeitig besetzt, bietet keine Angriffsflanke im heraufziehenden Bundestagswahlkampf.

Die aktuell diskutierten Pläne, ob Zuschussrente (CDU-Sozialministerin Ursula von der Leyen) oder das SPD-Rentenkonzept, haben eines gemein: Keiner wagt es, die private Altersvorsorge anzutasten.

In ihrem aufklärerischen Werk "Die Vorsorgelüge" rechnen die beiden Kölner Fachjournalisten Holger Balodis und Dagmar Hühne vor, dass mehr private Altersvorsorge die Altersarmut sogar noch verschärft (Website: www.vorsorgeluege.de). Ihre Zahlen sind erschreckend: Für mehr als 80 Prozent der Beitragszahler sind private Rentenverträge ein Verlustgeschäft. Hohe Abschluss- und Verwaltungskosten, Stornoverluste, mangelnder Schutz vor Inflation und den Turbulenzen am Aktienmarkt: Dieser bittere Cocktail, mahnen die Autoren, vernichte in vielen Fällen das für den Lebensabend vorgesehene Kapital.

Kunden verlören Milliarden, weil ihre privaten Rentenversicherungsverträge systematisch zu ihren Lasten konstruiert worden seien. Der Erkenntniswert des Buches liegt nicht nur darin, dass die Autoren mit einer Fülle von Berechnungsbeispielen belegen, warum Privatrenten "untauglich und verlustreich" sind. Und: mit welchen Abkassiertricks die Versicherer arbeiten, von "provisonsgesteuerter Falschberatung" bis zur gewinnträchtigen Kalkulation von Sterbetafeln.

Die Retrospektive ist es, die dem Buch Spannkraft verleiht und dem Leser so manches Aha-Erlebnis beschert. Die Autoren zeigen auf, wie ein Interessengeflecht aus Politikern, Finanzlobbyisten und Wissenschaftlern die gesetzliche Rente sukzessive demontiert und der privaten Rentenversicherung den Weg geebnet hat, oft in der Grauzone von Begünstigung. Wenn die Rentenhelden von einst demaskiert werden, die Riesters, Rürups und Anverwandte, sprechen viele, dramaturgisch geschickt platzierte Episoden für sich.

Die Lösungsvorschläge, die Balodis/Hühne am Ende präsentieren, sind im Angesicht ihrer vorangegangenen 200-Seiten-Analyse folgerichtig: Auf eine private Rentenversicherung könne man getrost verzichten; stattdessen solle die gesetzliche Rente gestärkt und wieder angehoben werden (auf das einstige Niveau von rund 70 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens).

Der Preis: Die Rentenbeiträge würden bis 2030 auf 26 Prozent steigen, aus Sicht der Autoren eine durchaus tragbare Last. Realisierungschance: nicht besonders hoch. Sollte es, wofür zumindest derzeit vieles spricht, bei den kommenden Bundestagswahlen zu einer Großen Koalition kommen.

ars/mmo

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH