Samstag, 1. Oktober 2016

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Strompreise Auf Explosionskurs

Immer neue Kosten: Netzausbau, Offshore-Windkraft und Marktprämien verteuern den Strom in Deutschland

Der Ausbau erneuerbarer Energien wird Strom 2013 wohl deutlich verteuern. Unter der steigenden Umlage leiden auch Industriefirmen, sie zahlen dann bis zu 10 Prozent mehr. Schon ertönt der Ruf nach Staatsgeld, das die explosive Lage entschärfen soll.

Hamburg - Die deutsche Textilindustrie hatte in den vergangenen Jahrzehnten wenig zu lachen. Nach dem zweiten Weltkrieg verzockten sich viele Firmen beim Einkauf und machten Pleite. Dann unterboten Chinesen, Koreaner und Inder ihre Preise - hunderttausende Arbeitsplätze gingen verloren.

Nun sind es steigende Energiepreise, die mancher verbliebenen Firma zusetzen. Etwa 3,6 Cent Umlage für Strom aus erneuerbaren Quellen zahlt der überwiegende Teil Firmen pro Kilowattstunde, im kommenden Jahr könnten es nach neuesten Berechnungen um die fünf sein.

"Das verschärft die Lage erheblich" sagt der Experte für Energie und Recht des Gesamtverbandes Textil+Mode, Christoph Schäfer, gegenüber manager magazin online. Elektrizität würde für die meisten Unternehmen auf einen Schlag um gut 10 Prozent teurer.

Als eine der ersten Firmen setze das sächsische Textilunternehmen Vowalon gerade die Umlagezahlungen an den Energieversorger aus. Geschäftsführer Gregor Götz will es auf einen Rechtsstreit ankommen lassen und notfalls vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. Der Stromkostenanteil an der Bruttowertschöpfung des Unternehmens betrage 10 Prozent, sagt Götz. Die Wettbewerber in europäischen Nachbarländern hätten die Zusatzkosten nicht zu tragen.

Versprechen der Regierung nicht zu halten

Während der Bundesrat heute über die Kürzung der Solarförderung debattiert, braut sich bei Unternehmen und Verbrauchern allerorten Unmut über steigende Strompreise zusammen. Unabhängig davon, ob die Initiative von Bundesländern wie Sachsen-Anhalt die Einschnitte abmildern, soll die EEG-Umlage im kommenden Jahr drastisch steigen. Schon werden Stimmen laut, der Staat müsse Auswüchse verhindern.

Vor allem der Zubau von Solar- und Biogasanlagen, viel Wind und Sonne im Winter und Frühjahr sowie mehr Ausnahmenregelungen für die energieintensive Industrie treiben die Abgabe im kommenden Jahr auf 4,8 bis 5,2 Cent pro Kilowattstunde. Das erwarten die deutschen Übertragungsnetzbetreiber unbestätigten Berichten zufolge. "Der Wert ist sehr realistisch", sagt der Energieexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbandes, Holger Krawinkel, gegenüber manager magazin online.

Offiziell rechnen die Netzbetreiber noch mit 4,7 Cent. Dabei hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) immer wieder betont, die Umlage werde die Grenze von 3,5 Cent pro Kilowattstunde nicht überschreiten. Irgendwie muss die Bundesregierung von ihrem Versprechen wohl abrücken, das wird jetzt immer deutlicher.

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