Sonntag, 23. Juli 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Euro-Krise Das Versagen der Eliten

Kanzlerin Angela Merkel und Tschechiens Regierungschef Petr Necas: Gespräche über Formen, nicht immer über Inhalte

Die Währungskrise stellt Koordinaten der deutschen Gesellschaft in Frage. Kein Wunder, dass die Bürger verunsichert sind. Doch die Eliten in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft lassen einen gemeinsamen Ansatz vermissen.

Hamburg - Die Gegenwart ist gut. Soeben haben die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute eine Fortsetzung des Aufschwungs im kommenden Jahr vorhergesagt. Der manager-magazin-Konjunktur-Indikator, ermittelt von Kiel Economics, zeigt sogar schon für 2012 ein Wachstum von 2 Prozent an. Andere Forschungsinstitute sehen das ähnlich.

Deutschland geht's gut, so gut wie lange nicht, so gut wie kaum einem anderen westlichen Land. Aber was die Zukunft betrifft, ist den Bürgern nicht so ganz geheuer.

Das ist kaum verwunderlich, angesichts der sich abermals zuspitzenden Euro-Krise, angesichts der immer größeren Hilfspakete und Liquiditätsspritzen. Dreiviertel der Deutschen fürchten den Wertverlust ihres Geldes, fast ebenso viele haben Angst um ihre Altersversorgung, wie kürzlich die Deutschland-Trend-Umfrage der ARD ermittelte.

Die Euro-Krise schlägt den Bürgern aufs Gemüt: Sie vergällt ihnen die gute Gegenwart und schürt den Pessimismus. Hält der Euro? Was passiert mit diesem Land und mit Europa, falls die gemeinsame Währung auseinanderbricht? Bleibt Deutschland dann fest verankert in der Völkergemeinschaft Europas? Oder kommt es abermals zu Feindseligkeiten zwischen den Nationen?

Beim Blick in die Zukunft erfasst die Deutschen großes Unbehagen. Denn ein tragender Eckpfeiler der Bundesrepublik - die Einbindung in die Völker- und Wohlstandsgemeinschaft Europas - ist durch die Euro-Krise brüchig geworden.

Eine konkrete Vision für Europa bleibt auch Angela Merkel schuldig

Man kann die Verunsicherung als Versagen der deutschen Eliten werten. So verkündete die Kanzlerin am Beginn der Euro-Krise, man werde anderen Staaten auf keinen Fall zu Hilfe eilen. Dann schwenkte sie um, half erst, ein Paket für Griechenland zu schnüren und kurz darauf den Rettungsfonds EFSF aufzulegen. Inzwischen verkündet Angela Merkel, wenn der Euro scheitere, dann scheitere Europa. Das klingt dramatisch - schließlich wären die Konsequenzen des Scheiterns kaum abschätzbar. Aber mit ihren Ängsten lässt sie die Bürger allein.

Denn eine konkrete Vision, wie es denn weitergehen soll mit Europa, bleibt sie schuldig. "Ich glaube, wir werden Schritt für Schritt Kompetenzen vergemeinschaften", sagte Merkel kürzlich in Prag. Dann sprach sie über europäische Institutionen und ihren künftigen Zuschnitt - sie sprach über Formen, nicht über Inhalte. Seltsam blutarm klang ihre Botschaft. Gesellschaftliche Führung sieht anders aus.

Schon scheint in der Wirtschaft die Unterstützung für den Euro zu bröckeln. Einige Unternehmer und Topmanager sprechen sich inzwischen öffentlich gegen immer weitere Rettungsaktionen und für die Rückführung der Währungsunion auf einen harten Kern aus. Wissenschaftler streiten wild durcheinander und bringen wüste Szenarien in die Debatte ein.

Wo Deutschland steht, und wohin es will, bleibt unklar.

Seite 1 von 2
Nachrichtenticker

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH