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17.04.2012
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Führungskräfte
"Erfolg haben die Härtesten, nicht die Besten"

Von Henrik Müller

Erschöpft: Viele Führungskräfte arbeiten weit über die Grenze der normalen Belastbarkeit hinaus
Corbis

Erschöpft: Viele Führungskräfte arbeiten weit über die Grenze der normalen Belastbarkeit hinaus

18-Stunden-Tage, enormer Druck, kaum Werteorientierung: Ein Gespräch mit Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin, Egon-Zehnder-Berater Jörg Ritter und Stiftungsvorstand Tobias Leipprand über die Führungspraxis in Deutschland - und warum sie erneuert gehört.

mm: Frau Professor Allmendiger, Herr Leipprand, Herr Ritter, soeben ist Ihre Studie über die Einstellungen deutscher Führungskräfte erschienen. Warum dieses Projekt?

Ritter: Seit geraumer Zeit erleben wir in unserer täglichen Praxis, dass es am gegenseitigen Verständnis fehlt: Die Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft neigen dazu, abgeschottet in ihren Festungen zu bleiben. Manche pflegen gar ihre Vorurteile. Eine konstruktive Zusammenarbeit kommt nicht zustande, obwohl alle erkennen, dass das für zukünftige Herausforderungen unersetzlich ist. Letztendlich fehlt eine gemeinsame Führungskultur. Das kann zum Problem werden.

mm: Für wen?

Ritter: Für die Gesellschaft insgesamt, aber auch für die Wirtschaft. Als Personalberater erlebe ich einen eklatanten Mangel an Persönlichkeiten, wenn es darum geht, Positionen an der Schnittstelle zweier Bereiche zu besetzen. Menschen, die in verschiedenen Welten zu Hause sind, sind rar.

Allmendinger: Das kann ich nur bestätigen. Nur wenige Topmanager verstehen, wie die anderen Sektoren ticken und welche Rahmenbedingungen sie damit auch setzen. Würde man sich in der Wirtschaft immer klar machen, dass die Politik in Legislaturperioden denkt, könnten viele Projekte ganz anders aufgesetzt werden. Das gilt natürlich auch in umgekehrter Richtung.

mm: Sie halten Topmanager für engstirnig?

Allmendinger: Eher für extrem auf ihren eigenes Umfeld konzentriert. Sie nehmen sich auch selten Zeit, sich anderen Bereichen auszusetzen. Ihr Arbeitstag ist allemal randvoll und hört eigentlich nie auf. Die Reizüberflutung ist hoch, viele meinen: zu hoch.

mm: Verständlich. Die Konzerne sind heute international aufgestellt, die Informationsflut hat exponentiell zugenommen. Aber deutsche Unternehmen agieren in dieser Welt doch sehr erfolgreich. Wo ist das Problem?

Allmendinger: In den Gesprächen zeigte sich, dass es für die Topmanager ganz persönlich ein Problem ist. Viele fühlen sich getrieben, die Schreibtische und Mailboxen sind übervoll. Es fehlt die Zeit innezuhalten und sich zu fragen: Wo sehe ich mich in zwei Wochen, in zwei Monaten, geschweige denn in zwei Jahren?

Leipprand: Den enormen Druck aushalten zu können - das wird zunehmend zum Auslesekriterium für Führungskräfte. Übrigens gilt das nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für den öffentlichen Sektor. Nur wer auf Dauer 18-Stunden-Tage aushält, kommt nach oben.

mm: Karriere nach dem Last-man-Standing-Prinzip - nicht gerade das ideale Auswahlkriterium, oder?

Leipprand: Zurzeit kommen nicht unbedingt die Leute mit den größten Führungsqualitäten nach oben, sondern die härtesten. Übrigens sehen den Dauerdruck viele der Befragten selbst als Problem. Sie sehnen sich nach Rückzugsmöglichkeiten. Von Bildungsministerin Annette Schavan ist bekannt, dass sie stets morgens und abends eine Stunde betet. Sie sagt, es gebe ihr Kraft und Gelassenheit. Aber das ist eine absolute Ausnahme.

mm: Im neuen manager magazin, das am 20. April erscheint, beschäftigen wir uns eingehend mit den Ergebnissen Ihrer Studie, gerade aus Sicht der Wirtschaft. Wo sehen Sie die größten unbearbeiteten Probleme?

Ritter: Führungspersönlichkeiten, nicht nur in der Wirtschaft, sehen sich heute mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Die Grenzen, die früher in Bezug auf die eigene Tätigkeit, auf Märkte und Produkte galten, sind ins Wanken geraten. Jeder sieht, dass keiner allein weiterkommt. Doch man findet noch zu selten zusammen. Letztendlich mangelt es an einem Leitbild, wie das Führen von Organisationen und Menschen über Sektoren hinaus gelingen kann.

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ZU DEN PERSONEN

Jutta Allmendinger, Soziologin, leitet das Wissenschaftszentrum Berlin.




Jörg Ritter ist Berater der Personalberatung Egon Zehnder.




Tobias Leipprand ist Vorstandsmitglied der Stiftung Neue Verantwortung.








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