Mittwoch, 20. Februar 2019

Krankenkassen Angst vor dem Pleite-Domino

Krankenversicherung: Das Solidarsystem bröckelt auch in der GKV - die Sorge einzelner Kassen wächst, bald selbst in Schwierigkeiten zu geraten

Wer als Kostenrisiko gilt, bleibt außen vor: Was viele Kunden der insolventen City Bkk erlebt haben, gilt inzwischen auch für die Krankenkassen selbst. Die Bereitschaft, in Not geratene Versicherer zu stützen, schwindet. Rettende Fusionen werden teurer. Nun drohen weitere Pleiten - und die Kosten für die Versicherten steigen.

Hamburg - Für die Versicherten der insolventen City Bkk, die beim Versuch des Kassenwechsels von verschiedenen Versicherern abgewimmelt wurden, ist es ein schwacher Trost: Nicht nur sie persönlich machen die Erfahrung, dass sie allein gelassen werden, weil sie als teuer und risikoreich gelten.

Das gleiche Schauspiel vollzieht sich derzeit auch auf der Ebene der Krankenkassen selbst. Kassen, die auf Grund einer "ungesunden" Patientenstruktur in akuten finanziellen Schwierigkeiten stecken, stehen allein auf weiter Flur - weil sie für potenzielle Fusionspartner selbst zu einem Risiko werden.

Seit sich der Kampf um das Geld aus dem Gesundheitsfonds dramatisch verschärft hat, prüfen auch die gesetzlichen Krankenkassen inzwischen sehr genau, welche Versicherten sie sich noch leisten können. Wer sich eine große Zahl älterer, chronisch kranker und damit teurer Patienten ins Haus holt, läuft Gefahr, bald selbst in Schieflage zu geraten.

Daran ändern auch die Appelle der Aufsichtsbehörden und Spitzenverbände nichts. "Ich habe kein Verständnis dafür, wenn Krankenkassen versuchen, Versicherte abzuwimmeln", sagte die Chefin des Spitzenverbands der Krankenkassen, Doris Pfeiffer, am Dienstag nach einem Krisentreffen in Berlin. Die Vorstände von Ersatzkassen, Betriebskrankenkassen und AOK seien sich einig, dass Versicherte der bankrotten City Bkk aufgenommen werden müssen. Doch Pfeiffer selbst hatte Anfang der Woche für Unruhe in der Branche gesorgt: In den nächsten Jahren, so Pfeiffer in einem Radiointerview, könnten die Zusatzbeiträge für die Versicherten auf 50 bis 70 Euro steigen - pro Monat.

Das "Abwimmeln" ist damit nicht gestoppt. Gesetzliche Krankenversicherer sind zwar rechtlich verpflichtet, Versicherte aus einer insolventen gesetzlichen Kasse aufzunehmen. Doch niemand kann den Vorstand einer Krankenkasse dazu zwingen, eine in Not geratene Kasse per Fusion vor der Pleite zu bewahren. Ein über Jahre praktizierter Auffangmechanismus gerät ins Stocken, weil immer mehr Kassen um ihre eigene Zukunft bangen.

Die Risikoprämien für Übernahmen steigen

Nur nicht mit Risikogruppen anbandeln: Der Fall der City Bkk hat dazu beigetragen, dass das Solidarprinzip auch in der gesetzlichen Krankenversicherung zu bröckeln beginnt. Die City Bkk war durch die Fusion der Bkk Hamburg und Berlin entstanden. "Es war wahrscheinlich ein entscheidender Fehler, zwei Stadtkassen zu fusionieren", heißt es aus dem Umfeld des Bkk-Bundesverbandes. Das "Risikoprofil" der Kasse sei dadurch schlechter geworden. Der Zusatzbeitrag, den die City Bkk erheben musste, vertrieb meist jüngere Versicherte, und am Ende fand sich unter den 120 Betriebskrankenkassen in Deutschland niemand mehr, der mit der City Bkk noch zusammengehen wollte.

Die klamme GBK Köln dagegen konnte sich noch im Januar 2011 in eine Fusion mit der Betriebskrankenkasse mh plus retten. Sie muss unter dem Dach des neuen Partners keinen abschreckenden Zusatzbeitrag mehr erheben. Doch die Retter fordern für die Übernahme von Risiken entsprechende Risikoprämien: Die mh plus ließ sich die Übernahme der GBK mit rund 18 Millionen Euro Zuschuss versüßen - anteilig gezahlt von allen Betriebskrankenkassen, die ähnlich wie die Ersatzkrankenkassen als Haftungsverbund füreinander einstehen.

"Die Fusionsangebote für die GBK haben sich nicht gerade gestapelt", sagt Christine Richter, Sprecherin des Bkk-Bundesverbandes. Fusionsgespräche gehörten zwar innerhalb des Systems der Betriebskrankenkassen zur "täglichen Routine". Dazu gehöre jedoch auch "die sorgfältige Prüfung, wie die unterschiedlichen Patientengruppen zweier Fusionskandidaten zusammenpassen", sagt Richter.

Die Nervosität unter den Krankenkassen ist umso größer, seit sie auf einem Teil der Kosten für die Behandlung von älteren oder chronisch kranken Menschen sitzen bleiben.

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