Montag, 23. Oktober 2017

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Energiepolitik Experten streiten über Kosten des Atomausstiegs

Fotostrecke: Diese Meiler wurden 2011 abgeschaltet
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DPA

Fachleute und Berater überschlagen sich mit Prognosen, bis wann ein Atomausstieg in Deutschland möglich ist. Eine Regierungskommission drückt aufs Tempo, auf Energieeffizienz spezialisierte Firmen auch. Ökonomen warnen dagegen davor, die Kosten zu verniedlichen.

Berlin - Regierungsberater fordern einen radikalen Umstieg in ein Zeitalter der erneuerbaren Energien. Mittelfristig sei eine Energieversorgung ohne Atomkraft, Kohle und Erdöl möglich, zeigten sich die Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) überzeugt.

Am Donnerstag überreichten sie Umweltminister Norbert Röttgen und Forschungsministerin Annette Schavan ihr Hauptgutachten "Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation". Die beiden CDU-Politiker werteten die Studie als Unterstützung in der momentanen Energiedebatte.

Zur Erreichung einer nachhaltigen und demokratischen Industriegesellschaft fordern die Berater einen umfassenden Gesellschaftsvertrag. "Das fossil-nukleare System muss durch ein effizient-erneuerbares System ersetzt werden. Und dafür müssen die Weichen in den nächsten Jahrzehnten gestellt werden", sagte der Vorsitzende des Beirats, Hans-Joachim Schellnhuber, in Berlin. Er fügte hinzu, dass ein Ausstieg aus der Atomkraft sicherlich bis 2020 vollendet werden könne.

In einer ebenfalls am Donnerstag veröffentlichten Studie kommt die Umweltorganisation Greenpeace zu dem Schluss, dass Deutschland sogar bis 2015 aus der Atomkraft aussteigen könne, "ohne dass dadurch negative Folgen für die Sicherheit der Stromversorgung, den Klimaschutz oder die Energiekosten entstehen". Alles andere wäre "ein fauler Kompromiss", sagte Andree Böhling, Energieexperte bei Greenpeace.

Experte: "Stromeinsparungen von bis zu 40 Prozent möglich"

Auch nach Ansicht Schellnhubers würden bei einem Umstieg auf erneuerbare Energien und einer effizienten Energienutzung "nicht alle Lichter ausgehen". Das Wohlstandsniveau werde dadurch nicht gefährdet. Er zeigte sich überzeugt, dass Stromeinsparungen von bis zu 40 Prozent möglich seien.

Nach Einschätzung führender Ökonomen wird der angestrebte Atomausstieg mit der Abschaltung älterer Meiler dem Wirtschaftsstandort Deutschland zunächst schaden. "Man muss sich ganz klar sein, dass kurzfristig damit Produktionspotenzial wegfällt. Das heißt, der Wohlstand, den wir haben, wird teurer", sagte der Ökonom Kai Carstensen vom Münchner ifo-Institut bei der Vorstellung des Frühjahrsgutachtens in Berlin.

Wenn Kernkraftwerke vom Netz gingen und billiger Atomstrom wegfalle, erhöhe das die Energiekosten für die Industrie. Der Preisanstieg könne durch Stromimporte oder mehr erneuerbare Energien etwas gedämpft werden. Grundsätzlich müsse man sich aber fragen, ob Branchen, die besonders viel Strom verbrauchen, auch künftig in Deutschland noch wettbewerbsfähig seien.

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