Mittwoch, 21. November 2018

Biosprit-Riese Brasilien staunt über deutschen Super-GAU

Brasiliens Agrosprit: Siegeszug unter dem Zuckerhut
dapd

Der Streit über E10 in Deutschland stößt in Brasilien auf blankes Unverständnis. Seit Jahren fahren Autos dort schon problemlos mit einer Beimischung von 25 Prozent Bioethanol. Selbst die Fahrt mit 100 Prozent Bioethanol ist möglich - dank deutscher Technologie.

Rio de Janeiro - In Brasilien, dem neben den USA weltweit führenden Produzenten von Agrosprit, kann man die Aufregung im fernen Europa nicht nachvollziehen. Während in Deutschland um die Beimischung von 10 Prozent Bioethanol in Benzin heftig gerungen wird, fahren Brasiliens Autos bereits seit Jahren mit einer per Gesetz bestimmten Beimischung von 25 Prozent, dem sogenannten E25-Benzin.

Darunter sind auch aus Deutschland importierte Fahrzeuge, ohne dass es dabei an Motoren oder Benzinleitungen zu Schäden kommt. Aber nicht nur das. Bereits in den 70er Jahren wurde hier das "Proalcool"-Projekt ins Rollen gebracht, das die Entwicklung von rein mit Ethanol betriebenen Fahrzeugen fördert.

Seit 2003 sind Pkw zudem in der "Flex-Fuel"-Variante zu haben, einer von Bosch und Volkswagen Börsen-Chart zeigen entwickelten Technologie, die es erlaubt, das Auto beliebig mit Benzin oder Ethanol zu betanken. Im Vergleich zum Normalbenzin kommt es dabei bei reinen Ethanolfüllungen zu einem geringen Leistungsabfall der Motoren, was im normalen Stadtverkehr jedoch kaum spürbar ist.

Mittlerweile verfügen gut 85 Prozent aller neu zugelassenen Pkw in Brasilien über diese Technologie, egal ob es sich dabei um Fahrzeuge von Volkswagen oder der französischen, italienischen, japanischen oder chinesischen Konkurrenz handelt.

Brasilien ist einer der größten Hersteller von Bioethanol und kann den eigenen Bedarf bequem decken. Gut 27 Milliarden Liter werden jährlich in den Zuckerrohr-Usinas produziert, den Verarbeitungsbetrieben, die sowohl reinen Zucker wie auch Ethanol aus der Pflanze gewinnen.

Nur 1,5 Prozent der nutzbaren Flächen für den Anbau von Zuckerrohr

Das oft in Deutschland zu hörende Argument, dass für die Biospritproduktion wertvolle Regenwälder abgeholzt werden, stößt bei brasilianischen Produzenten auf Kopfschütteln. Hauptanbaugebiet des Zuckerrohrs ist der Bundesstaat São Paulo, gut 2500 Kilometer südlich des Amazonasbeckens gelegen. Regenwald gibt es hier nicht, und überhaupt würde Zuckerrohr in Regenwaldregionen überhaupt nicht wachsen. Denn die empfindliche Pflanze benötigte eine Ausgewogenheit zwischen Regenperioden und Sonnenschein sowie eine Kälteperiode kurz vor der Ernte - Faktoren, die am Amazonas so nicht gegeben sind.

Auch den Vorwurf, dass der Biosprit den Anbau von Lebensmitteln beeinträchtigt, versteht man nicht. "Wir verwenden derzeit lediglich 1,5 Prozent unserer landwirtschaftlich nutzbaren Flächen für den Anbau von Zuckerrohr", erklärt Marcos Sawaya Jank, Präsident der Vereinigung der brasilianischen Zuckerrohrindustrie, UNICA. Durch moderne Produktionsverfahren hat man die Ergiebigkeit der Zuckerrohrfelder dabei stetig erhöht.

Während die Produzenten noch vor einem Jahrzehnt lediglich 3000 Liter Ethanol pro Hektar produzierten, sind es mittlerweile bereits 8000 Liter. "Und wir arbeiten an neuen Technologien, mit denen wir bis zu 14.000 Liter pro Hektar erreichen werden," so Jank.

Derartige Steigerungen gelten auch für die Nahrungsmittelproduktion, wo die "grüne Revolution" der tropischen Landwirtschaft die Ergiebigkeit von Weizen- und Sojafeldern in bisher unbekannte Höhen geschraubt hat. "Aber es scheint, dass man in Deutschland nicht einsehen will, welches Potenzial die Agrartechnologie in den tropischen Zonen hat", sagt Jank.

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