Freitag, 16. November 2018

Margot Käßmann als Gauck-Nachfolgerin Wie Sigmar Gabriel eine große Chance verspielte

Bundespräsident Joachim Gauck, Margot Käßmann (Archiv): Zu einer ehemaligen Bischöfin hätte Pastorentochter Angela Merkel kaum "Nein" sagen können

Egal wer es war, der die Klappe nicht halten konnte: Mit der vorschnellen Veröffentlichung des Namens Margot Käßmann in der Debatte um die Nachfolge von Bundespräsident Gauck ist für die SPD eine große politische Chance dahin. Diese keineswegs göttliche Kommunikation nützt vor allem Angela Merkel - für SPD-Chef Gabriel eine verteufelte Angelegenheit.

Tom Buschardt
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    Tom Buschardt ist seit Ende der 1990er Jahre Medientrainer. Er coacht Vorstände und Politiker für den optimalen Auftritt vor Mikrofon, Kamera und Publikum. Seit 2004 ist er auch Dozent an der Akademie des Auswärtigen Amtes (Interviewtraining). Er arbeitete für zahlreiche Sender der ARD sowie RTL Aktuell und ist Experte für Krisenkommunikation. www.buschardt.de

Die Personalie hatte eine geradezu bestechende Logik: Margot Käßmann als Bundespräsidentin. Eine intelligente und redegewandte Frau mit klaren Prinzipien, hinter denen auch ihre eigenen Befindlichkeiten zurückstecken müssen. Margot Käßmann hat mit der Alkoholfahrt am Steuer ihres Dienstwagens als Landebischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland menschliche Schwäche gezeigt. Die Verfehlung ist nicht entschuldbar - aber sie zeigte Charakterstärke mit ihrem schnellen Rücktritt von allen Ämtern. Schließlich müsse sie in ihrer Funktion höheren moralischen Ansprüchen gerecht werden - so begründete sie diesen Schritt. Einem solchen Charakter traut man -gut sechs Jahre nach dem Vorfall -ein solches Amt durchaus zu. Wer frei von Schuld ist - der werfe den ersten Stein!

Margot Käßmann wäre strategisch eine enorm gute Wahl gewesen - aus Sicht von Sigmar Gabriel und seiner SPD. Nach ihrem unrühmlichen Ausscheiden aus dem Amt zeigt sie christliche Demut, arbeitet als einfache Pastorin weiter und engagiert sich dennoch an herausragender Stelle für ihre Kirche. Gerade in einer Zeit, in der religiöse Themen auch nicht-religiöse Menschen in Deutschland beschäftigen, wäre ihre Kandidatur ein Zeichen gewesen.

Zu einer ehemaligen Bischöfin hätte auch die Pastorentochter Angela Merkel kaum öffentlich nein sagen können. Und die Merkel-Gegner in der Union dürften sich schon die Hände gerieben haben: Zwei Frauen an der Spitze des Staates wäre vielen Konservativen wohl zu viel des Guten gewesen. Merkel ist politisch angeschlagen, eine konsensfähige und politisch starke Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin hätte ihre Position definitiv weiter geschwächt - gerade in den eigenen Reihen.

Die Bundespräsidentenwahl ist im Februar 2017, nur sieben Monate vor der Bundestagswahl. Eine Kandidatin Käßmann hätte Merkel unter Zugzwang gesetzt, sich noch vor Jahresende zu entscheiden, ob sie noch einmal als Kanzlerin antritt. Derzeit spielt sie noch die Rolle der Amtsinhaberin mit all ihren Vorteilen aus. Sie ist Physikerin und kann kühl und nüchtern bleiben. Vielleicht vergessen die Deutschen ja ein paar Dinge, wenn Weihnachten terrorfrei bleibt und die Kölner mit massiver Polizeipräsenz irgendwie heil durch die Silvesternacht kommen.

Nach dem Jahreswechsel hätte Merkel die Möglichkeit, die Wogen zu glätten, die ihr derzeit entgegen schlagen und eine letzte Amtszeit anzustreben. Deutschland in einer Brexit-EU anzuführen und der Neuausrichtung der Europäischen Union ihren Stempel aufzudrücken - das dürfte für Merkel Anreiz genug sein, noch einmal anzutreten.

Sigmar Gabriel hätte all dies mit einer erfolgreichen Kandidatur Käßmanns zunichtemachen können. Doch die Kommunikation ist - wieder einmal - völlig aus dem Ruder gelaufen. Nun ist es der SPD-Chef, den die Personalie schwächt, nicht die Kanzlerin.

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