Mittwoch, 25. Mai 2016

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Industrie 4.0 Deutschland für digitale Revolution nicht gerüstet

Roboter in der Autoproduktion: Arbeitsplätze in Gefahr

Exporte auf Rekordkurs, das Wachstum steigt, die Beschäftigung auch: Das macht die Deutschen selbstzufrieden. Gleichzeitig wälzt die Digitalisierung unser Leben um - und genau da droht uns ein böses Erwachen.

Deutschland feiert sich: Das Wachstum legt zu, die Beschäftigung steigt, die Exporte sind auf Rekordkurs, der Staatshaushalt im Plus. Sogar einen gesetzlichen Mindestlohn und partielle Rentenaufstockungen können wir uns leisten. Alles gut?

Den Partnern in Europa - von Griechenland bis Frankreich - erteilen wir gern Ratschläge. Selbstzufriedenheit macht sich breit. Symptomatisch: Die arbeitgebernahe "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" veröffentlicht Mittwoch eine Studie mit dem Titel "Das Deutschland-Prinzip. Was uns stark macht."

So soll es weitergehen: Die IT-Messe Cebit, die Montag beginnt, wird die Digitalisierung als weiteren Faktor feiern, der angeblich insbesondere Deutschland nützt. Bis 2025 werden allein traditionelle deutsche Branchen - von Auto, Chemie und Maschinenbau bis zur Landwirtschaft - ein zusätzliches Geschäftspotenzial von 78 Milliarden Euro entwickeln, so erwartet es die Bundesregierung. Die "Industrie 4.0", die Maschinen und Materialien im "Internet der Dinge" miteinander ins Gespräch bringt, soll's möglich machen.

Die Botschaft ist immer die gleiche: Deutschland funktioniert. Unser Geschäftsmodell ist intakt und wird es bleiben. Und falls es doch irgendwo Engpässe gibt, wie bei der Netzinfrastruktur, dann werden sie eben beseitigt, so wie es die "Digitale Agenda" der Bundesregierung vorsieht.

Skepsis ist angebracht. Die Digitalisierung ist dabei, das Leben umzuwälzen. Wie die Wirtschaft funktioniert, womit wir unseren Lebensunterhalt verdienen, wie wir zusammenleben, wie wir denken, lernen und fühlen - all das ist einem epochalen Wandel unterworfen. Wer die Folgen dieser Zeitenwende vor lauter Selbstzufriedenheit unterschätzt, lebt gefährlich.

Zur Person
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.
Eine Studie der Oxforder Forscher Carl Benedikt Frey und Michael Osborne kommt zu dem Ergebnis, dass durch die digitale Revolution 47 Prozent der heutigen US-Arbeitsplätze gefährdet sind; in anderen westlichen Ländern dürften die Dimensionen ähnlich sein.

Beispiele? Taxifahrer, die Verlegenheitsbeschäftigten unter den Jobsuchenden, werden nicht mehr gebraucht, wenn selbstfahrende Autos erst zum Standard geworden sind. Vollautomatische Frachtschiffe machen Crew und Captain überflüssig. Einfache Smartphones werden per Spracherkennung zum Diktier- und Transkriptionsgerät; Sekretärinnen, die bislang Diktate abgetippt haben, müssen sich andere Aufgaben suchen. Kriege werden mit Drohnen und selbstlenkenden Cruise Missiles geführt. Roboter erobern Haushalte, die Haus- und Putzfrauentätigkeiten ersetzen. Handwerker werden durch 3D-Drucker überflüssig, Fahrradkuriere durch selbststeuernde Logistikdrohnen, Hochschullehrer durch internetbasierte E-Universitäten ... Das ist kein Science Fiction. All das gibt es schon. Es wird nur noch nicht massenhaft genutzt. Aber das kann sich rasch ändern.

Technikeuphorie ist fehl am Platze - die Gewissheit, dass technologische Umwälzungen in der Vergangenheit die Arbeit nicht abgeschafft haben, hilft denjenigen, die heute ihre Jobs verlieren, gar nicht. Auch Maschinenstürmertum wäre ein verfehlter Reflex - die Tech-Revolution ist längst im Gange.

Anderthalb Milliarden Smartphones gibt es Schätzungen zufolge auf der Erde. 2020 sollen es doppelt so viele sein - Hochleistungscomputer im Westentaschenformat für fast die halbe Weltbevölkerung. Unter den Top-Ten-Firmen mit dem höchsten Börsenwert weltweit finden sich drei Digitalgiganten (Apple, Google, Microsoft). Google ist heute in etwa so viel wert wie der Ölgigant ExxonMobil vor zehn Jahren - dabei ist der Suchmaschinenkonzern überhaupt erst 15 Jahre alt. Apple (gegründet 1976) ist inzwischen das teuerste Unternehmen der Welt, gut fünfmal teurer als der derzeit teuerste deutsche Konzern Bayer (gegründet 1863).

Daten werden wichtiger als Dinge. In der Autoindustrie findet eine Transformation vom Fahrzeugbesitz zur Mobilitätsdienstleistung statt. Überwiegend datengetriebene Services entstehen. Wer Daten hat, hat Marktmacht - und kann einen Großteil der Gewinne für sich abzweigen. Ob VW, Daimler, BMW, Bosch, Continental & Co. im Ringen mit den US-Digitalriesen bestehen, ist offen.

Denn die Digitalisierung führt bei vielen Gütern zu einem rapiden Preisverfall. Zwischen 2010 und 2014 wurden Mobilcomputer in Deutschland um 40 Prozent billiger, IT-Dienstleistungen um zwölf Prozent, Mobiltelefonieren immerhin um neun Prozent, wie das Statistische Bundesamt vorrechnet. Nennenswerte Preissteigerungen gab es noch bei überwiegend lokalen Dienstleistungen und, durch die Energiewende, bei Strom. Manche Digitalprodukte werden gar zu "freien Gütern", die in den gängigen volkswirtschaftlichen Rechenwerken gar nicht mehr auftauchen. Was die Notenbanken derzeit als deflationäre Tendenzen bekämpfen - Dienstag entscheidet die Bank of Japan, Mittwoch die amerikanische Fed über den weiteren geldpolitischen Kurs -, ist mindestens zum Teil Folge der Digitalisierung.

Kreieren wird als Erfolgsfaktor in der durchdigitalisierten Wirtschaftswelt wichtiger als produzieren. Apple verdient sein Geld mit der smarten Verzahnung intelligenter Elektronik und passender Inhalte, nicht mit der Produktion von Computern, Handys oder MP3-Playern. Die Herstellung selbst wandert irgendwohin, an den billigst möglichen Ort eben. Ein Menetekel für viele andere Branchen.

Ist die Bundesrepublik für die neue Zeit gerüstet?

Deutschlands aktuelle Wirtschaftsstärke basiert großteils auf Wirtschaftsstrukturen, die aus dem späten 19. Jahrhundert stammen: Autos, Maschinen, Chemie, Elektro. Dass diese Branchen in den vergangenen Jahren so erfolgreich waren, lag auch an einem historischen Zufall: Sich rasch industrialisierende Schwellenländer, insbesondere China, brauchten gerade das, was die deutsche Wirtschaft im Angebot hat. Doch der Boom scheint zu Ende zu gehen. Ob die Strukturen des Produzierens sich zu Strukturen des Kreierens wandeln können, muss sich noch erweisen. Für übermäßige Selbstzufriedenheit besteht jedenfalls kein Anlass.

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