Donnerstag, 18. Oktober 2018

28 Jahre Deutsche Einheit Die Ausländer-Lücke

Ampelmännchen in Leipzig: Ostdeutschland profitiert nur unterdurchschnittlich von der Zuwanderung

28 Jahre nach der Wiedervereinigung: Während Westdeutschlands Wirtschaft enorm von Zuwanderung profitiert, geht der Zuzug an Ostdeutschland großenteils vorbei. Das ist ein Problem - für die Bundesrepublik insgesamt.

Die Zahlen waren erschreckend. Vor einigen Jahren veröffentlichte das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) eine Prognose für die Jahre bis 2035. Das Kernergebnis: Große Teile Westdeutschlands werden bis dahin von rapidem Bevölkerungsschwund betroffen sein. Nur wenige Regionen können noch Zuwächse erwarten.

Mit anderen Worten: Die Experten sagten dem Westen eine Entwicklung voraus, wie sie in den östlichen Bundesländern längst Realität ist. Dort ging bereits zwischen 1990 und 2012 flächendeckend die Bevölkerung zurück, ausgenommen lediglich das Berliner Umland. Künftig also würden weite Teile der Bundesrepublik ein ähnliches Schicksal erleiden.

Allerdings sind die düsteren Vorhersagen möglicherweise überholt. Zum Glück.

Die BBSR-Experten gingen für ihre Berechnungen von einem konstanten Zuwanderungstrend aus: nämlich von 200.000 Personen jährlich; so viele Menschen wanderten im langfristigen Durchschnitt mehr nach Deutschland ein als aus. In den vergangenen Jahren jedoch war die Zuwanderung nach Deutschland doppelt so hoch. Seit 2012 kommen 400.000 bis 500.000 Menschen jährlich mehr ins Land als gehen, die Flüchtlingszahlen von 2015 nicht mitgerechnet.

Dabei handelt es sich überwiegend um Leute aus anderen europäischen Ländern, die in Deutschland einen Job finden.

Dass die Zahl der Beschäftigten immer weiter steigt - und die Wirtschaft immer weiter wächst -, wäre ohne die Zuwanderer unmöglich gewesen. Gerade in den wirtschaftsstarken Regionen Süddeutschlands liegt der Anteil der Beschäftigten mit ausländischem Pass inzwischen bei mehr als 15 Prozent.

Ostdeutschland jedoch profitiert nur unterdurchschnittlich von der Zuwanderung. Das ist ein Problem - für die neuen Länder. Und ein Warnsignal - für den Westen.

Engpässe Ost

Ohne dauerhaft große Zahlen an Immigranten werden sich Teile der Bundesrepublik zu menschenleeren Landschaften entwickeln. Welche Dynamik dadurch entsteht, lässt sich heute schon in Teilen des Ostens beobachten, 28 Jahre nach der Wiedervereinigung, die sich am Mittwoch jährt.

Der "Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit", den die Bundesregierung vor einigen Tagen vorgelegt hat, zeigt: Trotz relativ schwacher Wirtschaftsentwicklung und nach wie vor deutlich höherer Arbeitslosigkeit als im Westen gibt es Engpässe auf dem Arbeitsmarkt. "Die Zunahme an Fachkräfteengpässen war im Osten am höchsten", wie es in dem Bericht heißt.

Gesucht werden Leute aller möglichen Qualifikationen und Spezialisierungen: Akademiker, insbesondere Ärzte, Ingenieure, IT-Experten und Naturwissenschaftler, außerdem Handwerker aller Art sowie Kranken- und Altenpfleger.

Doch im Osten gelingt es nicht, diese Lücken mit ausländischen Beschäftigten zu schließen. Mit wenigen Ausnahmen, insbesondere Berlin und Umland, liegt der Anteil von Erwerbstätigen mit nichtdeutschem Pass in den Ost-Regionen weit unter Westniveau: bei weniger als 6 Prozent.

Regionen mit geringem Zuzug von außen sind auch für Einheimische nicht sonderlich attraktiv. Jüngere Gutausbildete ziehen fort. Fachkräfte sind knapp, deshalb können ansässige Unternehmen kaum wachsen. Konzerne investieren anderswo. Umso schlechter sind die Chancen vor Ort.

Eine Folge dieser Entwicklung: Die Alterung schreitet im Osten viel schneller voran als im Westen. Bereits 2030 wird rund ein Drittel der Bevölkerung 65 Jahre und älter sein, wie aus dem Einheitsbericht hervorgeht. Der Anteil der Menschen im wirtschaftlich aktivsten Alter zwischen 20 und 64 Jahren schrumpft rapide.

Rückenwind und Imageprobleme

Zugegeben, Ostdeutschland hat einige gravierende strukturelle Nachteile, die sich nicht so einfach ausgleichen lassen. Bereits vor dem Mauerfall war die Bevölkerungsdichte relativ gering. Berlin und sein Umland sind der einzige echte Ballungsraum. Selbst wachsende Großstädte wie Leipzig und Dresden ähneln Inseln in dünnbesiedeltem Land. Dazu kommt ein Imageproblem - geprägt von Pegida, Chemnitz, AfD-Erfolgen, NSU und so weiter -, das auch nicht gerade zur internationalen Attraktivität beiträgt.

Für die alten Länder jedoch sieht die Sache anders aus. Der Westen ist attraktiv, wie die hohen Zuwandererzahlen zeigen. Die Bundesrepublik sollte deshalb alles daransetzen, diesen Rückenwind zu erhalten. Dazu braucht es insbesondere eine stringente Einwanderungs- und Integrationspolitik, damit die Stimmung nicht noch weiter in Richtung undifferenzierter Grenzen-dicht-Rhetorik abdriftet.

Bislang profitiert der Osten enorm von der Wirtschaftskraft des Westens - und damit auch von der Zuwanderung aus dem Ausland in die alten Bundesländer. So liegt das durchschnittliche Nettoeinkommen ("Nettoäquivalenzeinkommen") der privaten Haushalte im Osten bei knapp 90 Prozent des Westniveaus. Die Wirtschaftskraft pro Einwohner verharrt jedoch unter 75 Prozent, die industrielle Bruttowertschöpfung pro Kopf beträgt sogar nur rund 50 Prozent.

Mehr Transparenz wagen

Drei Bemerkungen zum Schluss:

Erstens, nur wenn der Westen sich weiterhin großer Zuwanderungsgewinne erfreuen kann, wird er in der Lage sein, den Osten auch in Zukunft in großem Umfang finanziell zu unterstützen. Sollte hingegen auch der Westen demographisch austrocknen, wie der BBSR-Bericht vor einigen Jahren vorhersagte, werden die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und die Finanzlage Deutschlands insgesamt leiden.

Zweitens, die Höhe der West-Ost-Überweisungen wird seit Jahren nicht mehr offiziell ausgewiesen. Ein Großteil der Transfers läuft unsichtbar über die gesamtdeutschen Sozialversicherungen. Schätzungen zufolge beträgt der Nettotransfer nach wie vor jährlich mehr als 60 Milliarden Euro. Um mehr Transparenz in die Sache zu bringen, könnte man ja mal wieder offizielle Zahlen dazu veröffentlichen, vielleicht in zwei Jahren zum 30. Jahrestag der Einheit.

Drittens, man darf gespannt sein auf die nächste Raumordnungsprognose des BBSR, die voraussichtlich kommendes Jahr veröffentlicht wird. Das Institut untersteht übrigens dem Bundesinnenministerium, das derzeit von Horst Seehofer (CSU) geleitet wird. Aber das nur am Rande.

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