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23.11.2011
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Clemens Tönnies

Deutschlands größter Schlachter mischt Schalke auf

Von Dietmar Student

Großschlachter Clemens Tönnies: Out of Ostwestfalen
Fotos
REUTERS

4. Teil: "Ich hasse Leute, die sich vor der Verantwortung drücken"

Er hasst Formalien, wirkt auf Mitgliederversammlungen von Schalke 04, die er als Aufsichtsratschef leiten muss, gehemmt. Probleme löst er lieber bilateral, im Duell Mann gegen Mann.

Lange Zeit war alles auf ihn allein zugeschnitten in seinem Unternehmen. Doch die Firma entwickelte sich zu schnell. Und die Mast ist ja nicht zu Ende. Den mittelständischen Schweineschlachter Tummel aus Schöppingen will er kaufen, das Kartellamt hat den Deal vorerst gestoppt. Die norddeutsche Würstchengruppe Zur Mühlen (Böklunder, Redlefsen) will er komplett übernehmen, über ein Joint Venture in China wird demnächst entschieden. Dann, sagt Tönnies, "haben wir unsere Größe gefunden"; fortan wolle er nur noch organisch wachsen.

Die Zentrale in Rheda platzt aus den Nähten wie eine zu eng gewickelte Mettwurst. Für 20 Millionen Euro lässt er ein gigantisches Eingangsgebäude bauen, unter anderem mit Umkleidekabinen für 5500 Arbeiter. Eine Holding ("Tönnies Lebensmittel") überdacht neuerdings die drei Unternehmensbereiche Fleisch, Convenience und Beiprodukte (Blutplasma, Heparine). Er delegiert mehr als früher, hat die Verantwortung auf mehrere Schultern und Nacken verteilt: "Es darf nicht alles an einer Person hängen."

Ein fünfköpfiger Vorstand, den er vor Jahren gegründet hat, steuert die Geschäfte. 50 Prozent der Gesellschaftsanteile besitzt er selbst, je ein Viertel gehört seinen Neffen Robert und Clemens. Seine Nachfolge hat er qua Satzung so geregelt: keine Stammplatzgarantie für einen Tönnies; der Beste - das kann auch ein Familienfremder sein - soll es werden. Den Spruch "Blut ist dicker als Wasser" hält er ohnehin für "Quatsch" - ein Fleischexperte wie er verfügt da über gewisses Know-how.

Sein Sohn Max studiert derzeit BWL, macht zusätzlich eine Ausbildung in Vertrieb und Marketing. Strebt er in die Unternehmensführung? "Ob er will, spielt keine Rolle", sagt Clemens Tönnies, "entscheidend ist, ob er es kann."

Auch in seine Rolle als Schalke-Funktionär ist er hineingewachsen. Auf dem Sterbebett nahm ihm sein Bruder, der damals Präsident war, das Versprechen ab, sich um den Verein zu kümmern. Jetzt ist Fleisch seine Kernkompetenz - und Schalke sein Gemüse.

Die Parallelen sind unverkennbar, Tönnies kann mentale Synergien nutzen. Hier wie dort geht es nicht zimperlich zu, in dieser Disziplin kennt er sich aus.

Britischen Finanzinvestor abgegrätscht: "Du gehst jetzt nach Hause"

Als der britische Finanzinvestor Stephen Schechter, der den Verein mit einer lang laufenden 85-Millionen-Anleihe versorgt hatte, Einfluss bei Schalke reklamierte - manche sprachen von einer feindlichen Übernahme -, sorgte Tönnies dafür, dass die Anleihe vorzeitig abgelöst wurde: "Du gehst jetzt nach Hause, Stephen."

Sind Sie ein harter Knochen, Herr Tönnies? "Ja, wenn ich weiß, dass ich im Recht bin." Aber er hält sich zugute, noch nie jemanden wortlos entlassen zu haben. Die erste Besprechung sieht so aus: "Wir wollen festlegen, wie du dich änderst." Die zweite: "Warum ist immer noch nichts passiert?" Der dritte Termin ist dann der letzte - und sehr kurz.

Er weiß ja: Alles hat seinen Preis, man bekommt nichts geschenkt. Wer Fleisch essen will, muss sich auch mit der Vorstellung anfreunden, dass zuvor eine Kreatur vom Leben zum Tod befördert wurde. Und wer als Schuldenstaat von der EU Geld haben möchte ("Kohle", sagt Tönnies), der müsse natürlich etwas dafür tun: "Ich hasse Leute, die sich vor der Verantwortung drücken."

Gott sei Dank, es brummt nicht mehr bei ihm. Der Tinnitus ist weg. Exakt seit dem 17. August. An jenem Tag ging der Strafprozess zu Ende; die Ermittlungen hatten ihn und seine Firma drei Jahre lang in Atem gehalten. Ausgangspunkt war eine anonyme Anzeige. Zig Delikte hatte man ihm zu Beginn vorgehalten: Steuervergehen, Subventionsbetrug, Schmiergeldzahlungen. Übrig blieb der Vorwurf, Hackfleisch fehlerhaft etikettiert zu haben; das Verfahren wurde gegen Geldauflagen (insgesamt 2,9 Millionen Euro) eingestellt.

Clemens Tönnies wähnt die Konkurrenz hinter der Aktion. Wittert die große Intrige, die große Sauerei. Der niederländische Wettbewerber Vion (8,9 Milliarden Euro Umsatz) habe ihn ja schon einmal kaufen wollen, was er barsch abgelehnt hat. Danach, vermutet Tönnies, "wollten die mich fertigmachen".

Während der Ermittlungen traf er einen Vion-Vorstand zufällig in der Münchener Allianz-Arena und stellte ihn zur Rede: "Du warst das, du steckst dahinter!" Der habe, behauptet Tönnies, die Sache dann sogar kleinlaut zugegeben. Vion möchte dieses Thema nicht kommentieren.

Wie auch immer: Wer ihm Böses wolle, müsse eben damit rechnen, "dass CT durch die Türe kommt". Sagt CT, wie er in der Firma genannt wird.

Beim schnellen Rundgang durch die Fabrik ist er in eine Sackgasse geraten, kein Durchkommen zwischen all den Fleischteilen. "Hier geht's lang", sagt er schließlich, biegt zwei Schweinehälften auseinander - der Weg ist frei.

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