Von Dietmar Student
Hamburg - Er hastet durch die Hallen, nimmt hier einen Vorderschinken vom Band, kramt dort marinierte Spareribs aus einer Kiste hervor. Sofort geht es weiter in ein riesiges Gemäuer, in dem Schweinehälften, Schulter an Schulter am Schlachterhaken hängend, durch die Tiefe des Raumes bugsiert werden, bei konstant zwei Grad Temperatur. "Meine Marzipanschweinchen", sagt Clemens Tönnies (55), "nirgendwo ein Tropfen Blut".
Der Mann ist in seinem Element. Ja, er erfreut sich der Szenerie aus Fleischteilen, Zerlegemaschinen und mundschutzbewehrten Ausbeinern, so wie es ein Schlachtenmaler oder Filmregisseur tun würde. "Das alles hat doch ein Gesicht, oder etwa nicht?" Fragt er und meint: Hier geht es nicht etwa um toxische Wertpapiere, Leerverkäufe oder dergleichen Hirngespinste, sondern um Handfestes, Urwüchsiges - das pralle Leben, post animalis mortem sozusagen.
Das hier ist sein Laden. Die Tönnies-Lebensmittelgruppe (4,3 Milliarden Euro Umsatz) aus dem ostwestfälischen Provinznest Rheda, an deren Spitze er seit dem Tod seines Bruders Bernd vor 17 Jahren steht. Die (momentan) bessere Hälfte seines Arbeitslebens. Die andere ist der schuldengeplagte Fußballklub Schalke 04 (mehr als 150 Millionen Euro Verbindlichkeiten), dessen Aufsichtsrat er anführt, was im Grunde bedeutet: Er sagt, wo es langgeht.
Fleisch und Fußball: Heimat für den Instinktmenschen
Fleisch und Fußball: In beiden Welten geht es ultraemotional zu, ist der Bauch als Entscheidungshilfe eine feste Größe - und deshalb findet sich der Instinktmensch Tönnies darin so gut zurecht.
Er sieht ein bisschen aus wie der junge Helmut Kohl: hohe Stirn, eine dunkel gerahmte Brille, die Haare zurückgekämmt. Eine kräftige Zahnreihe, die ein durchgebratenes "töftes Kotelett", wie man im Revier sagt, mühelos bewältigt.
Einer mit der gleichen Vorliebe fürs Deftige wie der große Pfälzer, mit dem gleichen Machtinstinkt und der gleichen Witterung für Ränke und Intrigen.
Skeptisch guckt er aus einem Ledersessel in der Schalke-Geschäftsstelle herüber, rechtes Bein auf linkem Knie, die Finger beider Hände aneinandergelegt - als schätze er das Schlachtgewicht eines Mastferkels. Bis sich dann der strenge Blick auflöst in einem kurzen Auflachen.
© manager magazin Online 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH