Hamburg - Er hatte ein Heimspiel, und Rüdiger Grube wusste es zu nutzen. "Es kann und darf keinen Bau- und Vergabestopp geben", rief der Bahn-Chef am Montag Abend mehreren Hundert Unternehmern in der Stuttgarter Handelskammer zu. Diese dankten Grube mit tosendem Applaus, dass er den Gegnern des geplanten Bahnhofs Stuttgart 21 keinen Millimeter entgegenkam.
Grubes harte Haltung in dieser Frage ist wohl kalkuliert. Denn lässt er sich auf eine Art Moratorium ein, gibt er sein schärfstes Druckmittel zumindest zeitweilig aus der Hand: Die Hoheit über Bagger und Verträge. Mit ihr ist es ihm möglich, die Gegner von Stuttgart 21 nach und nach vor vollendete Tatsachen zu stellen. Den größten Schlag könnte Grube seinen Gegnern versetzten, wenn er nun plötzlich weitere Aufträge an Baufirmen vergibt.
Eigentlich sollte es dieser Tage etwas friedlicher zugehen in Stuttgart, doch daraus wird vermutlich nichts werden. Grube und Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) hatten Unions-Urgestein Heiner Geißler auserkoren, die Wogen im Streit zwischen Gegnern und Befürwortern des mindestens 4,1 Milliarden Euro teuren Bahnhofs zu glätten. Doch dieses Vorhaben wird vermutlich scheitern, weil Mappus und Grube die Vorbedingung eines Bau- und Vergabestopps nicht akzeptieren.
Es geht nicht um Bäume oder das Grundwasser
Dabei geht es weniger darum, ob weitere Bäume gefällt werden, der Südflügel des Bahnhofs abgerissen wird, oder die Bahn das Grundwasser im Baustellenbereich schon jetzt regulieren muss. Brisanter ist das Thema Auftragsvergabe. Manche Verfahren sind nach Informationen von manager magazin weit fortgeschritten, und es stünde in der Macht der Bahn, Fakten zu schaffen.
"Es steht zu vermuten, dass Politik und Bahn versuchen werden, durch zügige Auftragsvergabe das Projekt unumkehrbar zu machen", sagt Bahnexperte Christian Böttger von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin gegenüber manager magazin. Die Kosten für einen Ausstieg aus dem Projekt hatte Böttger auf 400 bis 500 Millionen Euro beziffert.
"Diese Zahl ändert sich erheblich", sagt Böttger nun mit Blick auf mögliche Vergaben. "Wenn jetzt ein Auftrag im Volumen von einer Milliarde Euro vergeben wird, käme schnell ein Betrag in dreistelliger Millionenhöhe zusammen, den die Bahn bei einem Stopp des Projekts an den Auftragnehmer zahlen müsste." Der Auftragnehmer könne entgangene Gewinne geltend machen. Zudem liefen durch den Projektfortschritt täglich Kosten auf, die der Auftraggeber erstatten müsste.
Im Umfeld der Projektgegner heißt es, die Kosten für einen Ausstieg können sich im Extremfall auf über eine Milliarde Euro verdoppeln. Damit käme die von den Befürwortern genannte Summe von 1,4 Milliarden Euro in Reichweite. Je mehr die Summe wächst, desto schwieriger wird es für die Gegner, der Bevölkerung einen Ausstieg aus dem Projekt schmackhaft zu machen.
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