Samstag, 27. August 2016

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Die Wirtschaftsglosse Mehr Mathematik wagen!

Welt der Zahlen: Anno 2016 müssen wir wieder die algebraischen Grundregeln aus dem Gedächtnis abrufen, also das Rechnen mit vielen Unbekannten

Der gute Vorsatz für 2016 lautet: Mehr Mathematik wagen! Am Ende des Tages gibt es viele Möglichkeiten, sich die Welt schön zu rechnen.

Was haben die Vereinten Nationen und die CSU gemeinsam? Ihre Zielstrebigkeit, die Welt aus ihrer Sicht besser zu machen. Die UN erklären 2016 zum Internationalen Jahr der Hülsenfrüchte, wollen also global zu fleischloser Ernährung anregen. Und die Christsozialen zeigten sich in Kreuth wild entschlossen, auch im neuen Jahr gegen die Kanzlerin zu stänkern. Höchstens 200.000 Flüchtlinge und Asylbewerber pro Jahr seien verkraftbar - wahrscheinlich kommen fünf Mal so viele. Der gute Vorsatz 2016 lautet deshalb: mehr Mathematik wagen!

2015 war ja ein annus horribilis für das Rechenwesen. Die schwarze Null geisterte durch die Haushaltsbücher wie einst der Schwarze Hund durch Stevensons Schatzinsel; die falsche Neun suchte auf dem grünen Rasen nach ihrer Bestimmung und der Tiefe des Raumes. Ob solche Zahlenungeheuer 2016 noch eine Rolle spielen, darf mit Fug und Recht (Flüchtlingskosten, EM) bezweifelt werden.

Anno 2016 müssen wir wieder die algebraischen Grundregeln aus dem Gedächtnis abrufen, also das Rechnen mit vielen Unbekannten. Auch eine Rückbesinnung auf das kleinste gemeinsame Vielfache und die Fallstricke der Prozentrechnung tut not.

Dietmar Student
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Dietmar Student
Es geht ja um einiges. Die Flüchtlingszahl des Jahres 2016 bestimmt Wohl und Wehe unserer Republik - und das der Kanzlerin bei den nächsten Bundestagswahlen. Wir nehmen uns deshalb vor, mal etwas genauer zu zählen, wer reinkommt, wer bleibt, wer geht. Hier braucht man keinen Algorithmus Googlescher Prägung, ein paar Grundkenntnisse in Addition reichen schon aus.

Große Zahlen müssen ins rechte Verhältnis

Schwieriger schon: die Prozentrechnung , vor allem im Hinblick auf die Sozialdemokraten. Die kommen, aktuellen Umfragen zufolge, auf 65 Prozent - rechnet man Ergebnisse aller im Frühjahr anstehenden Landtagswahlen (Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt) zusammen. Ein bisschen kreatives Zahlenschütteln - und schon sieht das Jahr viel rosiger aus für Parteichef Sigmar Gabriel.

Große Ziffern wirken weniger bedrohlich, wenn man sie ins rechte Verhältnis setzt.

Die Chinesen haben allein am Crashtag des 4. Januar rund 2,5 Billionen Dollar Börsenwert vernichtet. Pro Einwohner gerechnet ist der Betrag kapitalmarkttechnisch eher eine Randnotiz. Auch die potenzielle Dieselgate-Höchststrafe für VW von 90 Milliarden Dollar verliert ihren Schrecken, wenn man sie bezieht auf weltweit jährlich neun Millionen produzierte Autos des Konzerns, à vier Rädern. Macht 2 500 Dollar pro Rad, das hört sich schon verträglicher an.

An der Algebra müssen wir noch ein wenig arbeiten. Etwa an der Gleichung: Weise = 2x. Nichts gegen Synergien, aber das Doppelmandat des Arbeitsamtschefs, der gleichzeitig die Migration behördlich regeln soll, ist nach den Prinzipien des parteipolitischen Proporzes im nten-Zahlenraum gar nicht definiert.

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Der antike Mathephilosoph Paternoster sagt: Jede Statistik kann man von oben und von unten lesen. Und: Mal geht es runter, dann wieder rauf. Das gibt einem doch Hoffnung für 2016, vor allem, was Wachstum und Arbeitslosigkeit in Südeuropa betrifft.

Manche mathematischen Phänomene hingegen bleiben unerklärt, hier fehlt es noch an der Grundlagenforschung. Der Seehofer-Quotient zum Beispiel. Diese Maßzahl - populistische Sprüche pro Woche - erreichte in den Tagen vor Wildbad Kreuth mit 7,0 ihr All-Time-High auf der nach oben offenen weißblauen Mir-san-mir-Skala. Da steht jeder Abakus machtlos vis-a-vis.

Bleibt noch das Mysterium des Erbsenzählens im Hülsenfruchtjahr. Hier kommen wir vorerst nicht weiter. Die Erzeugnisse kränkeln leicht, deshalb schwanken die Erträge stark. Die Bundesregierung setzt auf ihre spezielle "Eiweißpflanzenstrategie". Nach Gefahrgut und Gleichstellung warten wir nun auf den staatlichen Schoten-Beauftragten.

Wieder wichtig auch in diesem Jahr: die Physik. Deshalb der gute Vorsatz für Bahnchef Rüdiger Grube: die Formelsammlung der Elektrotechnik pauken! Nur so lässt sich womöglich das Schwankungsproblem von Doppelstock-ICs noch lösen, bevor die spirituosen- und schunkelstarken Karnevalstage zu einer Entgleisung führen.

Was elegant zu folgender Textaufgabe überleitet: Mit wie viel Volumenprozent schreibt sich's am flüssigsten? Die Frage ist Gegenstand engagierter literaturwissenschaftlicher Prüfung. So findet sich in einschlägigen und auch 2cl-Archiven der pauschale Rat des genussfreudigen Dichtertitanen Ernest Hemingway, ein Mann von eher trockenem Schreibstil: "Schreibe betrunken, überarbeite nüchtern." Na, das kann ja heiter werden.

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