Montag, 25. März 2019

Die Basis für Erfolg, im Job wie auf dem Spielfeld Von Frankreich lernen, heißt siegen lernen

Paul Pogba vom Fußball-Weltmeister Frankreich

Uns hier täte eine Prise Liberté, Égalité, Fraternité ganz gut, denn während sich in Deutschland die Regierung und die Nationalelf über das Thema Immigration zerfleischen, gewinnt Frankreich mit den Söhnen seiner Einwanderer die Fußball-Weltmeisterschaft.

Als Frankreich den Weltmeistertitel errang, fand Ex-US-Präsident Barack Obama: "Diese Jungs sehen aber nicht aus wie Gallier!" Nigerias ehemaliger Trainer Sunday Oliseh twitterte: "Endlich hat Afrika seinen ersten Weltmeistertitel gewonnen!" Trevor Noah, der amerikanische Moderator der Show "Daily News", feierte "Afrikas Sieg".

Heiner Thorborg
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    Michael Dannenmann
    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Aber, mes amis, die Weltmeister selber sehen das anders und sich selbst als so französisch an wie Dijon-Senf. Weltmeister Benjamin Mendy beispielsweise (mit senegalesischen Wurzeln) twitterte als Reaktion auf den angeblichen Sieg Afrikas die Liste seiner Equipe mit einer französischen Flagge vor jedem Namen. Auch, wenn dies mit Pogba, Tolisso, Umtiti, Rami, Fekir oder Hernández nicht unbedingt traditionell französisch klingen.

Wunderkind Kyliane Mbappé, (kamerunischer Vater, algerische Mutter) spendet seine Verdienste aus der WM an eine Organisation, die Sportveranstaltungen für behinderte Kids organisiert mit der Begründung: "Ich will kein Geld dafür bekommen, dass ich für mein Land spiele." Gemeint ist - naturellement - Frankreich.

Les Bleus haben heute marokkanische, senegalesische, angolanische, kongolesische, malianische oder guineische Wurzeln. Gespielt haben sie aber als Franzosen und für Frankreich. Die Frage nach der Herkunft ihrer Eltern finden sie befremdlich. Nicht nur die Fußballer fühlen so: Baseketball-Spieler Nicolas Batum zum Beispiel (selber mit kamerunischen Wurzeln) schreibt: "Ich singe die Marseillaise seitdem ich 15 bin. Das blaue Trikot mit der Aufschrift 'France' trage ich mit Stolz." Er kämpfe für Frankreich, weil er da geboren und aufgewachsen sei und seinen Sport dort gelernt habe. Er sei stolz auf seine französische Nationalität: "Lang lebe die Republik, lang lebe Frankreich!"

Hier in Deutschland fragt ja auch keiner Leute mit Namen wie Marc-André ter Stegen, Kevin Trapp oder Leon Goretzka, ob sie nicht eigentlich und in Wahrheit niederländisch, englisch, polnisch oder sonstwie "ausländisch" sind - sie sind, jeder auf seine Art, so deutsch wie Vollkornbrot, auch wenn bei uns keiner auf die Idee käme: "Lange lebe die Bundesrepublik!" zu twittern.

Der Sieg der Franzosen und der traurige Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft von Mesut Özil haben einige Lektionen für uns und die Welt in petto: Globalisierung ist Realität. Wer lernt, sie zu nutzen und zu umarmen, hat die Nase vorn, denn Diversity siegt - und zwar nicht nur im Management.

Immigration, multikulturelle Gesellschaft und offene Grenzen haben in vielen Bereichen ihre Vorteile, die allerdings nur dann voll zum Tragen kommen, wenn sich die Einwanderer und ihre Kinder im neuen Land zu Hause fühlen, sich integrieren und voll identifizieren. Das gelingt in Frankreich offensichtlich vielfach besser als in Deutschland.

Auf den ethnischen Wurzeln der Leute herum zu reiten, ist da wenig hilfreich. Wo eine Person herkommt, muss letztlich egal sein, auf ihre Leistung und ihre Haltung kommt es an. In den arbeitsteiligen Systemen unserer Wirtschaft geht es gar nicht so anders zu als im Teamsport: Leistung erfolgt in der Gruppe.

Auch das hat die WM 2018 demonstriert, in der Superstars wie Lionel Messi, Christiano Ronaldo, Neymar da Silva Santos Júnior, Luis Suárez oder Robert Lewandowski wenige Erfolge erzielten. Esprit de Corps entsteht aber nur, wenn man ihn auch zulässt, ob man das nun Empowerment nennt wie die Amerikaner, oder Liberté, Égalité, Franternité wie die Franzosen. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hängen zusammen und bilden die Basis für Erfolg, im Job wie auf dem Spielfeld.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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