Sonntag, 18. November 2018

Währungskrise in der Türkei Notenbank hebt Leitzins an und widersetzt sich Erdogan

Türkische Notenbank in Ankara

Die türkische Notenbank hat den Leitzins deutlich angehoben - von 17,75 auf 24 Prozent. Staatspräsident Erdogan hatte sich zuvor gegen eine Zinserhöhung ausgesprochen. Zudem hatte er angeordnet, dass sämtliche Kauf- und Mietverträge für Immobilien in der Türkei in türkischer Lira lauten müssen. Selbst alte Verträge sind umzuschreiben.

Im Kampf gegen die Lira-Krise hat die türkische Notenbank den Leitzins überraschend stark angehoben und sich damit gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan gestellt. Die Notenbank erhöhte den Leitzins am Donnerstag von 17,75 auf 24 Prozent.

Die türkische Lira legte nach der Entscheidung deutlich zu. Experten hatten zwar mit einer starken Anhebung gerechnet, die Erwartungen der meisten Analysten wurden aber nun übertroffen.

Erdogan hatte kurz zuvor bei einer Rede auf eine weitere Zinssenkung gedrängt und die Zentralbank kritisiert. Entgegen der gängigen Wirtschaftslehre sieht er Zinserhöhungen nicht als Instrument gegen Inflation, sondern als einen Treiber. Investoren hatten sich um die Unabhängigkeit der türkischen Notenbank gesorgt, die sich aber nun deutlich gegen die Forderung Erdogans stellte.

Die Notenbanker teilten weiter mit, man werde den strafferen geldpolitischen Kurs durchziehen, bis es Verbesserungen bei der Inflation gebe. Falls nötig, würden weitere Zinserhöhungen folgen. Die Teuerung in der Türkei lag zuletzt bei rund 18 Prozent.

Recep Tayyip Erdogan: "Lasst uns diese hohen Zinsen senken"

Erdogan betonte vor der Sitzung der Notenbank, diese sei zwar unabhängig. Er warf den Währungshütern aber auch vor, für die hohe Inflation verantwortlich zu sein. An deren Adresse gerichtet sagte er vor Kleinunternehmern in Ankara: "Die Inflation ist das Ergebnis Deines falschen Handelns. Und wer zahlt den Preis dafür? Eben. Das Volk und Ihr Kleinunternehmer." Zudem forderte er: "Ich sage, lasst uns diese hohe Zinsen senken."

Als weitere Maßnahme gegen die Währungskrise entschied Erdogan zudem, dass Geschäftsverträge zwischen in der Türkei lebenden Menschen nur noch in türkischer Lira und nicht mehr in Fremdwährungen wie Euro oder Dollar abgeschlossen werden dürfen.

Der am Donnerstagmorgen veröffentlichte Erlass legt fest, dass diese Verträge innerhalb von 30 Tagen auf Lira umgestellt werden müssen.

Mietverträge müssen auf Lira umgestellt werden

Das betrifft unter anderem Immobilienverkäufe und Mieten. Gerade in der Metropole Istanbul und in Touristengebieten werden Wohnungen häufig in Euro oder Dollar verkauft oder vermietet. Von der Maßnahme sind aber auch Verträge aus dem Transport und Finanzdienstleistungen betroffen.

"Generell ist es noch zu früh für Interpretationen zu den Auswirkungen des neuen Gesetzes auf den türkischen Immobilienmarkt, da das Finanzministerium noch zahlreiche Ausnahmen veröffentlichen wird", sagt Heike Tanbay, Geschäftsführende Gesellschafterin des Immobilienmaklers Engel & Völkers in Bodrum. "Wir gehen davon aus, dass das Gesetz in erster Linie Auswirkung auf Immobilienkäufe und -verträge von Bauträgern mit vereinbarten Ratenzahlungen hat. Privatkäufe sind davon nur bedingt betroffen."

Zwar würden Verkaufsverträge in türkischer Lira vereinbart, so Tanbay gegenüber manager magazin online. Zahlungen könnten jedoch auch weiterhin in beliebiger Währung erfolgen. "Ausländische Käufer und Verkäufer sind von dem Gesetz ausgenommen," fügt die Maklerin hinzu.

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Die türkische Lira hat seit Beginn des Jahres etwa 40 Prozent an Wert verloren. Die hohe Inflation gilt neben dem hohen Leistungsbilanzdefizit als Hauptauslöser für die Lirakrise. Hinzu kommt ein politischer Streit mit den USA mit gegenseitigen Sanktionen.

Die türkische Wirtschaft war im zweiten Quartal diesen Jahres gegenüber dem Vorjahreszeitraum zwar um 5,2 Prozent gewachsen, verlor aber deutlich an Schwung. Im ersten Quartal hatte sie im Vergleich zum Vorjahreszeitraum noch um 7,4 Prozent zugelegt.

Inflation bleibt im Blick

"Der Markt ist einerseits zufrieden mit dieser Zinserhöhung, andererseits ziemlich durcheinander", kommentierte Analyst Phoenix Kalen von Societe Generale. "Es sieht ganz danach aus, als ob es ein 'Good Cop, Bad Cop'-Spiel der türkischen Behörden gibt. Präsident Erdogan sagt auf der einen Seite, er mag keine Zinsen. Auf der anderen Seite hebt die Zentralbank dann die Zinsen sehr deutlich an."

"Meiner Meinung nach war das für den Moment ausreichend, aber natürlich werden wir die Entwicklung der Inflation in den kommenden Monaten verfolgen", fügte Inan Demir von Nomura hinzu. "Es ist wahrscheinlich, dass sich der Preisauftrieb weiter beschleunigt und dass vielleicht weitere Zinsanhebungen vonnöten sein könnten."

"Die türkische Zentralbank hat überraschend deutlich die Zinsen erhöht. Die Skepsis war groß, dass nicht viel passieren würde - vor allem, nachdem Staatschef Erdogan vor der Sitzung niedrigere Zinsen gefordert hat. Insofern hat die Zentralbank heute zumindest ihre Unabhängigkeit demonstriert", urteilt Ulrich Wortberg von der Helaba. "Ob dies aber der Befreiungsschlag für die Lira ist, bleibt abzuwarten. Schließlich hat die Zentralbank weiterhin das Problem, dass das Wachstum schwach ist."

la/rei/Reuters/dpa

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