Sonntag, 19. November 2017

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Türkische Wirtschaft wächst überraschend stark Zweifel am Boom vom Bosporus

Plus 5,1 Prozent Wachstum im zweiten Quartal: Manche Experten allerdings zweifeln die Zahlen an und halten das türkische Wirtschaftswachstum auch nicht für nachhaltig

Die türkische Wirtschaft ist im zweiten Quartal trotz der Spannungen mit Europa und Deutschland überraschend stark gewachsen. Doch schon länger melden einzelne Experten Zweifel an den offiziellen Zahlen an.

Es rumort gehörig zwischen der Türkei und Europa - nicht zuletzt deutsche Spitzenpolitiker fordern angesichts willkürlicher Verhaftungen auch deutscher Staatsbürger in der Türkei lautstark Sanktionen, bis hin zum Abbruch der EU-Beitrittsgespräche. Das politische Klima ist vergiftet, deutsche Touristen - über Jahre willkommene und sichere Einnahmequelle am Bosporus, bleiben schon länger weg.

Dennoch wuchs die türkische Wirtschaft im zweiten Quartal 2017 deutlich. Genau genommen um 5,1 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, teilte das türkische Statistikamt (Turkstat) mit. Im ersten Quartal waren es nach bereinigten Turkstat-Angaben sogar 5,2 Prozent.

Hat die Türkei also ihr Tief hinter sich gelassen? Der Putschversuch vom Juli 2016 und die politische Instabilität hatten im dritten Quartal des vergangenen Jahres erstmals seit dem Krisenjahr 2009 dazu geführt, dass die Wirtschaft mit rund 1 Prozent geschrumpft war. Im Gesamtjahr 2016 stand unter dem Strich ein Plus von 2,9 Prozent, was quasi eine Halbierung des Wachstums gegenüber 2015 bedeutete.

Für das Gesamtjahr 2017 rechnet Ankara nun wieder mit einem Plus von 5,5 Prozent. Allerdings zweifeln Experten - ähnlich wie bei Chinas gelenkter Staatswirtschaft - die offiziellen Wachstumszahlen zusehends an. Grund für die Skepsis ist die offenbar seit Dezember vergangenen Jahres neue Berechnung des Wirtschaftswachstums.

So stellte Gareth Jenkins, Türkeiexperte vom Institute for Security and Development Policy in Istanbul, im Interview mit der Deutsche Welle bereits die Zahlen zum ersten Quartal 2017 in Frage: "Im Dezember 2016 hat das Türkische Statistikinstitut ganz plötzlich die Art und Weise geändert, wie es Wirtschaftsdaten bemisst. Mit einem Mal ging es der türkischen Wirtschaft viel besser als alle Analysten und Experten geglaubt hatten. Wir verstehen immer noch nicht wie Turkstat diese neuen Statistiken errechnen lässt."

... auf einmal war das Sozialprodukt um ein Fünftel gewachsen

Die neuen Berechnungen hatten auch für vergangene Jahre erhebliche Konsequenzen: Betrug zum Beispiel das türkische Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2015 vor der Revision noch 720 Milliarden Dollar, waren es nach der Revision auf einmal 861 Milliarden Dollar. Die Wachstumsrate für dasselbe Jahr wurde dann mit 6,1 Prozent statt mit 4 Prozent beziffert.

Nun verändern Statistiker immer wieder ihre Methoden - nicht zuletzt der internationalen Vergleichbarkeit wegen.Kritiker vermuten im Fall der Türkei allerdings, dass die Umstellung von oben angeordnet wurde und zu einem Zeitpunkt erfolgte, als sich die Türkei mit den Folgen des Putschversuchs herumschlagend eben im konjunkturellen Abwärtsstrudel befand.

So habe Präsident Recep Tayyip, anstatt sich der unbequemen Realität zu stellen, nun anstelle eines Konjunktureinbruchs plötzlich wirtschaftlichen Fortschritt verkünden und dies als vermeintlichen Vertrauensbeweis in die Regierung interpretieren können - trotz politischer Unruhen, Massenverhaftungen und fernbleibender Touristen.

Im Juli hatte die Türkei aber wegen der schwachen Lira nach offiziellen Zahlen wieder deutlich mehr Touristen angelockt als im schwachen Vorjahresmonat. Deutsche Touristen hingegen meiden weiter das Land. Der Deutsche Reiseverband (DRV) sprach von einem fortgesetzt zweistelligen Einbruch der Buchungszahlen nach einem Minus von rund 30 Prozent im Jahr 2016.

Abgestürzte Lira, hohe private Verschuldung, steigende Inflation

Jenseits offenbar günstigerer Berechnungsmethoden gilt der türkische Aufschwung allerdings auch als Folge direkten staatlichen Eingreifens: Die türkische Regierung stellt Firmen und Konsumenten massiv günstige Kredite zur Verfügung, um Investitionen und Binnennachfrage anzufeuern, sagt Erdal Yalcin vom Münchner Ifo-Institut. Dabei seien viele Konsumenten schon jetzt hoch verschuldet.

Die abgestürzte Lira verbilligt zwar Exporte, verteuert aber Importe empfindlich und hat die Inflation zuletzt auf 10,7 Prozent getrieben. Aus Sicht des Experten handelte es sich daher eher um eine Scheinblüte als um solides wirtschaftliches Wachstum in der Türkei, wie er dem "Focus" sagte.

Die kurzfristig gute Wachstumsdynamik könne nicht über die langfristigen strukturellen Probleme hinwegtäuschen, betonten am Montag auch die Analysten von Raiffeisen Capital Management. Diese Probleme seien unter anderem durch massive interne und externe Ungleichgewichte, eine enorme Abhängigkeit von ausländischen Kapitalzuflüssen sowie von inländischer Kreditausweitung geprägt. Die Erwerbsquote bei rund 50 Prozent sei die niedrigste aller OECD-Länder und besorgniserregend.

Politisch befinden sich die Beziehungen zwischen der Türkei und der EU - hier insbesondere mit Deutschland - auf einem absoluten Tiefpunkt. Die Bundesregierung hatte angesichts der Inhaftierung von Deutschen angekündigt, wirtschaftlichen Druck auf Ankara ausüben zu wollen. Am Montag wurde bekannt, dass erneut ein deutsches Ehepaar festgenommen wurde.

mit dpa-afx

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