Mittwoch, 27. Juli 2016

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Politik machen wie ein Unternehmer Warum ich mein nächstes Start-up mit Angela Merkel gründen würde

Kanzlerin Merkel: Aus der Abhängigkeit befreit - sie macht Politik wie eine Unternehmerin

Um es gleich vorweg zu sagen: Nein, ich bin nicht Gründungsmitglied im Angela-Merkel-Fanclub. 2005 wurde sie ohne meine Stimme Kanzlerin, ihre Interpretation der sozialen Marktwirtschaft hat für mich bis heute zu wenig Marktwirtschaft und ihr häufig an Umfrageergebnissen ausgerichteter Kompass hat mir nie besonders imponiert. Noch in der Bankenkrise war ich schwer irritiert, über ihr Eingeständnis, im Nebel der Krise "auf Sicht" zu fahren. Möglicherweise habe ich sie damals falsch eingeschätzt.

Denn zur Mitte ihrer dritten Amtszeit erlebe ich eine neue Kanzlerin. Sie hat eine Mission, von der sie sich nicht abbringen lässt. Sie scheint sich aus jeglicher Abhängigkeit befreit zu haben, sie macht Politik wie eine Unternehmerin. Mit dieser Angela Merkel würde ich gerne mein nächstes Start-up gründen.

Die Kanzlerin steht seit Monaten wegen ihrer Flüchtlingspolitik im Sturm, aber sie hält Kurs. Wie heißt es so schön: "Bei schönem Wetter kann jeder segeln. Erst bei Sturm zeigt sich der wahre Kapitän." Ich denke, dass Angela Merkel eine gute Unternehmerin wäre. Wohl mehr Familienunternehmerin als Start-up-Gründerin, aber Unternehmerin. Denn wie unsere Familienunternehmen steht sie für starke Werte: für Tradition und Fortschritt, für wirtschaftliche Stärke und soziale Verantwortung.

Soziale Verantwortung für Europas Ehre

Florian Nöll
  • Copyright: Felix Mueller
    Felix Mueller
    Florian Nöll (floriannoell.de) hat seit seiner Schulzeit mehrere Unternehmen in der Digitalen Wirtschaft gegründet. Als Vorsitzender im Bundesverband Deutsche Startups e.V. (deutschestartups.org), stv. Vorsitzender des European Startup Network, des Beirats "Junge Digitale Wirtschaft" beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie und Vorstand des cnetz "Verein für Netzpolitik e.V." (c-netz.de) engagiert er sich für einen Dialog zwischen Startups und der Politik.
Beginnen wir mit der Ursache des Sturms, der Flüchtlingskrise, und der Frage, wie viel soziale Verantwortung wir uns leisten können und wollen. Die Kanzlerin wird bis heute dafür kritisiert, dass sie sich am 5. September für die Einreise der in Budapest festsitzenden Flüchtlinge entschied. Im Übrigen dieselbe Kanzlerin, die Wochen zuvor als unmenschlich tituliert wurde, weil sie einem in Deutschland lebenden Mädchen aus Palästina erklärte, dass es möglichweise nicht in Deutschland bleiben könne.

Am Ende erntete sie für diese Entscheidung Kritik im eigenen Land - Deutschland und Europa hingegen erhielten Anerkennung überall auf der Welt. Wolfgang Schäuble brachte es jüngst auf den Punkt: "Deutschland hat Europas Ehre in der Flüchtlingskrise auch ein Stück weit gerettet." War das nicht vielmehr eine ungewollte Image-Kampagne für Deutschland, so wie auch das heftig kritisierte Selfie?

Findet ein Kriegsflüchtling aus Syrien Angela Merkel und Deutschland sympathisch, wenn er ein solches Selfie sieht? Wahrscheinlich ja. Verlässt er deshalb seine Heimat und begibt sich auf eine lebensbedrohliche Reise? Sicher nicht. Das zu glauben und die Kanzlerin oder die Medien für den Flüchtlingsstrom verantwortlich zu machen, ist schlicht realitätsfremd.

Findet ein hochqualifizierter Software-Entwickler aus Brasilien Angela Merkel und Deutschland sympathisch, wenn er ein solches Selfie sieht? Wahrscheinlich ebenso. Entscheidet er sich deshalb auf der Suche nach einem Job im Ausland vielleicht eher für Deutschland als zum Beispiel für das Silicon Valley? Ich halte das für möglich. Jeder dritte Mitarbeiter in Berlins Start-ups kommt schon heute nicht aus Deutschland. Dies ist ein Erfolgsfaktor der europäischen Startup-Hauptstadt, den es weiter zu stärken gilt

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