Dienstag, 23. Oktober 2018

In Saudi Arabien eröffnet das erste Kino seit 35 Jahren Ein Kino für ein Königreich - mehr als nur politisches Kintopp

Mohammed bin Salman: Der mächtige Kronprinz treibt die Modernisierung Saudi Arabiens mit Macht voran

Zum ersten Mal seit mehr als 35 Jahren darf in Saudi Arabien wieder ein Kino eröffnen - 350 weitere will ein US-Investor in den nächsten 12 Jahren aufbauen. Wer mit der arabischen Welt nicht vertraut ist, den mag diese Meldung irritieren, vielleicht sogar ein wenig belustigen. Doch für das lange von Familienclans und konservativen Klerikern beherrschte Land ist die Nachricht fast eine Sensation.

Sie gibt ein weiteres Beispiel für den rasanten Modernisierungsprozess , den der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman angeschoben hat. Er erlaubt Frauen das Autofahren, will die Kleiderordnung lockern und treibt den Ausbau der regenerativen Energien massiv voran. Zudem ging er zuletzt hart gegen Korruption und Selbstbereicherung der herrschenden Prinzen-Kaste vor.

Sicher, der Shooting-Star des Nahen Ostens versuchte damit zuletzt auch unliebsame Rivalen kaltzustellen und seine eigene Machtposition zu festigen. Auch ist bin Salman, dem der Westen jetzt im wahrsten und übertragenen Wortsinn den roten Teppich ausrollt, dem von ihm monierten Luxus-Exzessen der Prinzen-Garde im Land selbst auch nicht abgeneigt, wie Kritiker anmerken.

Dennoch: Bin Salman modernisiert Saudi Arabien nicht nur, sondern rüttelt im Zuge des Öffnungsprozesses zugleich auch an bislang politisch grundlegenden Überzeugungen und gepflegten Feindbildern im Land. So sprach der Kronprinz dem einstigen Erzfeind Israel jetzt das Recht auf ein eigenes Land zu, einem Land also, zu dem das islamisch-konservative Königreich bislang noch nicht mal diplomatische Beziehungen pflegt.

Diese beginnende Hinwendung zu Israel erscheint manchen Beobachtern als geschickter Schachzug oder als "Trick eines Machtbesessenen", der angesichts der zahlreichen Gegner Saudi Arabiens im Nahen Osten weniger einen radikalen Kurswechsel als vielmehr den Versuch darstellt, die eigene Macht und die des Königreichs in der Region abzusichern.

Doch man kann es auch anders sehen. Die Annäherung an Israel, das verstärkte Werben um ausländische Investoren, die damit einhergehende stärkere Öffnung zum Westen sowie die vorsichtige und in homöopathischen Dosen beginnende Adaption von westlichen Werten und Stilen könnte auch der Anfangspunkt einer gesellschaftlichen Umwälzung sein.

Mit harter Hand geführte Entwicklungsregime können sehr effektiv sein. Das lehrt der Fall Südkorea, das längst Konzerne von Weltrang hervorgebracht hat. Es lässt sich ansatzweise auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten ablesen.

Der saudische Kronprinz will ebenfalls die Wirtschaft des Landes auf neue und breitere Basis stellen. Natürlich wird Erdöl noch lange Zeit die Haupteinnahmequelle des Königreichs bleiben, doch die Abhängigkeit wird sich verringern, die Wirtschaft diversifizieren. Damit wächst die Chance auf eine ökonomische Partizipation breiterer Bevölkerungskreise, die - nicht nur in der politischen Theorie - auf lange Sicht auch mit mehr politischer Teilhabe einhergehen sollte.

Dafür gibt es natürlich keine Garantie. Doch bereits sozusagen zur Uraufführung am 18. April in Riad wird etwas anders sein. In dem Kino werden dem Vernehmen nach dann Frauen neben Männern sitzen und die Geschlechter nicht getrennt, wie sonst an anderen öffentlichen Orten in Saudi Arabien.

Das ist ein klares Zeichen - und hoffentlich mehr als nur ein vorübergehendes politisches Kintopp.

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