Mittwoch, 19. September 2018

Angst vor Sanktionen und Repressalien Russlands Milliardäre verzweifeln an Putin

Ex-Milliardär Lebedew: "Wir haben Krieg"

Russlands Wirtschaftselite steckt in der Klemme: Einerseits fürchten Milliardäre verheerende Sanktionen des Westens, andererseits schüchtert das Regime sie ein. Putin sei auf dem besten Weg, Europas zweiter Diktator zu werden.

Hamburg - Russlands Milliardäre verzweifeln zusehends an der Politik von Präsident Wladimir Putin: Sie fürchten lähmende Sanktionen des Westen, haben aber noch mehr Angst vor Repressionen aus Russland. Das berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Milliardäre und Analysten.

"Die wirtschaftliche Elite des Landes ist entsetzt", sagt Igor Bunin, Leiter des Moskauer Zentrums für Politische Technologien. Niemand unternehme etwas gegen Putin, weil es indirekte Strafandrohungen gebe. "Ein Anzeichen der Rebellion, und sie (die Milliardäre) werden auf die Knie gezwungen."

Putin riskiere, ein international geächteter Staatschef zu werden wie Alexander Lukaschenko , sagte ein Milliardär zu Bloomberg unter der Bedingung, anonym zu bleiben. Die USA bezeichnen den weißrussischen Präsidenten als letzten Diktator Europas. Der russische Präsident müsse den Krieg in der Ukraine beenden, insbesondere vor dem Hintergrund des Flugzeugabsturzes vergangene Woche.

Ein Passagierflugzeug der Malaysia Airlines war über der Ost-Ukraine von einer Rakete getroffen worden und abgestürzt. Alle 298 Insassen des Flugs MH17 kamen ums Leben, darunter 193 Niederländer. Vieles deutet darauf hin, dass prorussische Separatisten für den Abschuss verantwortlich sind - möglicherweise mit Raketensystemen aus Russlands. Die Aufständischen geben der Regierung in Kiew die Schuld an dem Unglück.

Ex-Ministerpräsident Kassjanow: "Bedrohung ist sehr real"

Der Abschuss könnte noch einmal zu härteren Sanktionen des Westens gegen Russland führen. US-Außenminister John Kerry sagte am Wochenende, die vorliegenden Beweise deuteten darauf hin, dass Russland die Rakete in die Hände der Separatisten gegeben habe. Derzeit sanktionieren die USA russische Staatsbetriebe sowie enge Putin-Vertraute. Laut Bloomberg könnte Washington ab September ganze Industriezweige sanktionieren.

"Die Bedrohung durch Sanktionen gegen ganze Industriezweige ist jetzt sehr real, und die Wirtschaft hat allen Grund, ängstlich zu sein", sagte Michail Kassjanow, russischer Ministerpräsident unter Putin von 2000 bis 2004. "Wenn es Sanktionen gegen den Finanzsektor gibt, kollabiert die russische Wirtschaft in einem halben Jahr."

Die Rebellen behinderten am Wochenende Untersuchungen internationaler Experten an der Unglücksstelle. Angeblich befindet sich auch der Flugschreiber der Malaysia-Maschine in ihren Händen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident François Hollande und der britische Premierminister David Cameron drohten Russland am Wochenende mit einer Ausweitung der EU-Sanktionen. Der britische Verteidigungsminister Michael Fallon wurde von "The Mail" mit den Worten zitiert, Putin unterstütze Terrorismus. Die Europäer sind mit Sanktionen zurückhaltender, weil sie engere Geschäftsbeziehungen zu Russland unterhalten.

"Die Uhr ist auf 1980 zurückgedreht", sagte der Milliardär Alexander Lebedew, Eigentümer der britischen Zeitungen "The Independent" und "Evening Standard". "Nur in den 80er Jahren kontrollierten sich die beiden Seiten gegenseitig. Jetzt haben wir Krieg", das ist schlimmer." Er sei ausgesprochen pessimistisch, dass Russland jemals sein Verhältnis zu den USA und Europa reparieren könne, so Lebedew. Der Milliardär war 2012 wegen Drohungen und Erpressungen durch den Inlandsgeheimdienst FSB aus Russland geflohen.

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