Dienstag, 31. Mai 2016

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Zuwanderung nach Deutschland Warum der Regierungsberater DIW bei den ökonomischen Folgen des Flüchtlingsstroms irrt

Der Schlüssel für alles: Bildung.

Daniel Stelter ist Ökonom, Berater und Gründer des makroökonomischen Diskussionsforums beyond the obvious (bto). Als MeinungsMacher von manager-magazin.de hat er als erster Ökonom die wirtschaftlichen Folgen des Zuzugs von Flüchtlingen in die Debatte eingebracht.

In der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL gibt es ein Streitgespräch zwischen Marcel Fratzscher, dem Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und mir. In der vergangenen Woche hatte das DIW mit einem Papier zu den ökonomischen Folgen der Flüchtlingskrise breites mediales Aufsehen erregt. So unter anderem hier:

DIE WELT: "Nach sieben Jahren bringt ein Flüchtling dem Staat Geld", 3. 11. 2015

n-tv.de: "Ökonom widerlegt Mythen", 1. November 2015

wallstreet:online: "Schockierend, einseitig, irreführend - So verlogen ist die deutsche Flüchtlingsdebatte!", 4. November 2015

SPIEGEL ONLINE: "Wirtschaftsfaktor Flüchtling - was auf Deutschland zukommt, 3. November 2015

Daniel Stelter
In einer kurzen Kommentierung habe ich am 3. November auf die bei SPIEGEL ONLINE gezeigte Berechnung reagiert und einige der darin ersichtlichen Annahmen kritisiert. Wobei ich an dieser Stelle für neue Leser von manager-magazin.de auf folgende Punkte hinweisen muss:

  • Meine Meinung: Die Flüchtlingskrise entzieht sich jeglicher Wirtschaftlichkeitsrechnung. Es ist eine humanitäre Herausforderung und deshalb nicht für eine Kosten-Nutzen-Analyse geeignet.
  • Wenn Experten und Wirtschaft dennoch den wirtschaftlichen Nutzen betonen, so muss dies auf einer soliden Datenbasis beruhen - und genau die haben wir nicht. Deshalb habe ich - nicht als Prognose, sondern als Weckruf - in einer simplen Rechnung gezeigt, welche Bandbreite die wirtschaftlichen Folgen haben. Dabei ist verständlich, dass je mehr Flüchtlinge erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert werden und je höher die von ihnen erzielten durchschnittlichen Einkommen, desto besser ist es für diese Menschen und für uns.
  • Statt also den (erhofften) wirtschaftlichen Nutzen zu betonen, sollten wir eher fragen, was wir tun müssen, um den Flüchtlingen helfen zu können. Es genügt nicht, dass wir ihnen Sicherheit geben und sie versorgen. Wir müssen ihnen auch eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Das setzt neben dem Spracherwerb vor allem Bildung voraus. Nur dann erfüllen wir die Erwartungen, die wir geweckt haben. Und nur dann besteht auch die Hoffnung für uns, langfristig Aufwand und Ertrag der Flüchtlingshilfe in Balance zu bringen - wenn das überhaupt ein Ziel sein kann.
  • Wird suggeriert, dass Flüchtlinge ein wirtschaftlicher Gewinn für uns sind, besteht die Gefahr, dass wir nicht das tun, was wir tun müssen: nämlich ausreichend und schnell in die Bildung der neuen Mitbürger zu investieren. Die ersten Diskussionen zum Staatshaushalt 2016 legen nahe, dass diese Sorge mehr als berechtigt ist.
  • Was zu tun wäre, habe ich bereits im September in einem 10-Punkte-Plan zur Bewältigung dieser Aufgabe dargelegt: manager magazin online: "Eine ehrliche Rechnung zu den Flüchtlingen", 3. September 2015

Aufgrund meiner deutlichen Kritik an den Modellannahmen des DIW, bat mich die Redaktion des SPIEGEL um ein Streitgespräch mit Marcel Fratzscher. Soviel zur Genese des Streitgespräches und meiner Position. (Das Interview finden Sie hier)

Meiner nun folgenden Kritik am Papier des DIW sei noch die grundsätzliche Einschätzung vorausgeschickt: Flüchtlinge unterscheiden sich von Einwanderern gerade dadurch, dass von ihnen kein Deckungsbeitrag erwartet wird.

Da das DIW dennoch den Versuch einer wirtschaftlichen Betrachtung gemacht hat, untersuche ich ab dieser Stelle die Annahmen und Rechnungen des DIW. Ab jetzt ist es in diesem Blogbeitrag also eine rein ökonomische Betrachtung.

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